Trennungskinder und ihre Wahrnehmung vom Geliebtwerden.

Ich habe mir bereits viele Male Gedanken darüber gemacht, wie es einem Kind geht, das nach der Trennung von einem Elternteil zwar diverse Liebesbekundungen erhält (Der Klassiker darunter: „Ich liebe dich über alles“), auf der anderen Seite allerdings von demselben Elternteil verdeutlicht bekommt (auf der nonverbalen Ebene, also durch das Verhalten, Mimik, Gestik, Stimmlage), dass diese Liebe doch ganz deutliche Grenzen hat, die dort beginnen, wo der andere Elternteil ins Spiel kommt. Sei es durch eine Erwähnung des Kindes, ein von dem anderen Elternteil mitgebrachtes Spielzeug oder auch eine Zeichnung, auf der das Kind seine Familie darstellt und den Elternteil darauf verewigt.

Diese Gedanken möchte ich mit Ihnen in diesem Beitrag teilen und Ihnen anschließend einige Impulse mitgeben, wie Sie Ihrem Kind das Gefühl geben, trotz Trennung vollständig geliebt zu werden.
 „Du sagst, du liebst mich? Nein. Solange du meinen anderen Elternteil ablehnst, aus dem ich entstanden bin, liebst du nur DEINE Hälfte an mir. Nicht MICH. (င) 2022 2022www.anna-pelz.de www.“

Die Ambiguitätstoleranz ist eine wichtige Kompetenz der Eltern, um Trennungskindern das Gefühl der Sicherheit und der bedingungslosen Liebe zu geben.

Doppelbotschaften können verunsichern.

Schauen Sie sich das Bild an und lassen Sie es auf sich wirken.

Ein kleines Mädchen trägt ein zerbrochenes Herz in den Händen und schaut die betrachtende Person fragend an. Der Cartoon soll eine Situation darstellen, in der ein Elternteil zu dem Kind sagt, dass er/sie es über alles lieben würde. Das Kind spürt jedoch, dass da etwas mitschwingt, was sich in diesem Moment nicht richtig oder eben nicht vollständig gut anfühlt. Ein unangenehmer Beigeschmack eben. In der Psychologie wird eine solche Botschaft als Double Bind oder Doppelbotschaft bezeichnet. Mehr darüber erfahren Sie hier: Double-Bind-Hypothese bei Stangl – Online-Lexikon für Psychologie und Pädagogik und in meinem Artikel: „Doppelbotschaften als Werkzeug der Eltern-Kind-Entfremdung“

Die Sprechblase drückt das aus, was das Kind in diesem Moment möglicherweise empfindet:
„Du sagst, du liebst mich? Nein. Solange du meinen anderen Elternteil ablehnst, aus dem ich entstanden bin, liebst du nur deine Hälfte an mir. Nicht MICH.“

Je nach Alter und Entwicklungsstufe des Kindes kann dieses Empfinden unter Umständen in ganz anderen Worten ausgedrückt werden – oder eben ganz ohne Worte. Das Gefühl dahinter ist stets eine Verunsicherung und die Überzeugung, nicht gut genug zu sein um vollständig geliebt zu werden – zumindest zur Hälfte.
Insbesondere jüngere Kinder tendieren dazu, dies zu kompensieren. Sie bemühen sich, noch lieber, noch braver, noch „ja-sagender“ , noch symbiotischer zu sein mit dem ablehnenden Elternteil. Bei größeren Kindern dagegen  – Stichwort Pubertät – scheiden sich die Reaktionsgeister. Viele bleiben als Reaktion auf die kontinuierliche Unsicherheit in dieser unterwürfigen, symbiotischen Position, verschmelzen praktisch mit diesem Elternteil emotional und geben damit die Herausbildung der eigenen Identität auf. Andere Kinder dagegen rebellieren, und da kann es schon durchaus sein, dass diese Kinder ähnliche Worte finden, wie das Mädchen im Bild. Ein Moment, an dem entfremdende Elternteile eine Rechnung erhalten, die sie in der Form nicht erwartet haben. Oft führt es zu einem kurzen Erwachen dieses Elternteils und danach scheiden sich wieder die Wege: die einen bleiben wach, reflektieren, wie es zu dieser Aussage kam und lassen sich darauf ein, an sich zu arbeiten. Andere dagegen reden es klein, bagatellisieren die Worte oder reagieren mit emotionaler Gewalt, indem sie dem Kind verkünden, dass es seine Sachen packen und zu dem anderen Elternteil gehen soll, wenn es sich hier so ungeliebt fühlt. Oft wird in diesen Momenten ein letzter Versuch gestartet, das Kind unter Kontrolle zu bekommen und dem Kind vorgeworfen, wie sehr man sich für das Kind aufgeopfert und was das Kind einem alles zu verdanken habe. An dieser Stelle haben viele Eltern bedauerlicherweise Erfolg – das Kind knickt ein, aus Angst oder aufgrund von schlechtem Gewissen verbündet es sich wieder erneut mit diese Elternteil.
Wer ein Kind mit Erpressung dazu bewegen möchte, ihn/sie zu lieben, hat das Prinzip der Liebe noch nicht begriffen.
Mehr noch: Es handelt sich um emotionale Misshandlung des Kindes und eine besonders perfide Form der Manipulation.

Wie gehe ich vor, wenn ich merke, dass ich meine/n Ex beim besten Willen nicht mögen kann?

Nun ja. Indem Sie zunächst vielleicht diese Vorstellung loslassen, dies unbedingt zu müssen. Sie müssen dazu ihre/n Ex weder lieben, noch mögen. Ihn oder sie zu hassen, ist allerdings kein Umkehrschluss!

Das Gegenteil von Liebe ist nicht der Hass. Vielmehr sind Liebe und Hass zwei emotionale Anteile auf einer Seite der Medaille. Auf der anderen Seite der Medaille befindet sich die Gleichgültigkeit oder, schöner ausgedrückt, die Neutralität.  Wenn es nicht anders geht, betrachten Sie ihre/n Ex als eine/n Fremde/n, dem/der sie völlig neutral gegenüber stehen.
Weder freundlich, noch ablehnend.

Damit diese neutrale Haltung gelingt, hilft oft als Einstieg der folgende Gedanke: Das Kind existiert nur, weil es den oder die Andere gibt und weil es, zumindest im Moment der Zeugung, ein „wir“ für uns gab. Das Kind besteht zu 50% aus dem genetischen Material dieser anderen Person. Dem Kind zu vermitteln: „Ich hasse deinen Vater/Mutter und alles, was ihn/sie ausmacht, ABER ich ermögliche und erlaube es dir, diese Person zu lieben“ genügt nicht, damit das Kind es sich selbst erlaubt. Das ist noch keine neutrale Haltung, die dem Kind auch erlaubt, beide Anteile seiner Identitäten als liebesnwert zu betrachten.  Mehr noch: Es ist nach meiner Erfahrung eben eine klassische Doppelbotschaft, die dazu führen kann, dass später vor Gericht typischerweise angegeben wird: „Ich tue ja schon alles, um den Umgang zu fördern, aber das Kind will den Vater/die Mutter von selbst nicht sehen“. Im Grunde ist dieser Satz eine Erklärung der eigenen Erziehungsunfähigkeit. Mein Tipp: Sie sprechen ihn am besten gar nicht aus.

Ihre Qualität als Elternteil können Sie vielmehr unter Beweis stellen, indem Sie in ihrer Trennungssituation mittels einer neutralen Haltung eine authentische Ambiguitätstoleranz ausbilden, d.h. einer Kompetenz, welche die gleichzeitige Existenz gegensätzlicher respektive widersprüchlicher Sachverhalte zulässt. Und aushält.

Dazu gehören:
1. Wir sind getrennt UND wir sind Eltern.
2. Ich liebe/mag meine*n Ex nicht mehr UND liebe dessen Anteil, aus dem unser Kind entstanden ist.
3. Unser Kind ist biologisch zu jeweils 50% Papa/Mama UND es ist ein eigenständiger Mensch mit eigener Persönlichkeit, Identität, Charakter.
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