Wie Sie als Lehrkraft mit der Eltern-Kind-Entfremdung umgehen können. Und sollen.

Dieser Beitrag richtet sich diesmal nicht nur an interessierte Eltern, sondern vorrangig an Lehrkräfte. An Lehrerinnen und Lehrer.

Wieder einmal war ein aktueller Anlass der Grund für diesen Beitrag, und wieder einmal entstand er sehr spontan. Dieser Anlass war ein Telefongespräch, das ein Elternteil gestern mit der Lehrkraft seines Kindes geführt hat. Darin ging es unter anderem um die Symptome der Eltern-Kind-Entfremdung, die dieser Lehrkraft aufgefallen sind, die sie jedoch weder identifizieren noch zuordnen konnte. Ich war bei dem Gespräch dabei und werde in diesem Beitrag meine Eindrücke schildern und auch einige Impulse für Lehrkräfte loswerden, wie sie die Symptome erkennen und eben zuordnen können und wie sie vor allem auf Kinder zugehen können, die darunter leiden und wie sie diese Kinder begleiten können.

Mehr noch, ich möchte an Lehrkräfte appellieren, für diese Kinder da zu sein. Denn ich gehe davon aus, dass jede Lehrerin oder Lehrer in ihren Klassen mehrere Trennungskinder haben. Und ich gehe davon aus, dass darunter mindestens ein entfremdetes Kind ist. Ein Kind, das irgendwie anders ist. Also irgendwie schon wie alle, aber eben dann doch nicht. Das einem Sorgen macht, weil es Verhaltensweisen an den Tag legt, die kaum greifbar sind. Irgendwie unlogisch. Einerseits so, andererseits so. Eigentlich alles in Ordnung. Aber irgendwie halt doch nicht. Keine Ahnung. Dann lieber die Finger davon lassen und das Fass erst gar nicht öffnen. Wird sich schon von selbst rauswachsen – so der häufige Gedanke.

Nein, wird es nicht.

Dafür möchte ich in diesem Beitrag auch sensibilisieren. Dieser Beitrag ist für Lehrkräfte, weil sie jeden Tag mehrere Stunden mit unseren Kindern verbringen. Ich hoffe, ihr seid jetzt irgendwo da draußen und hört mir zu. Ich hoffe, der Beitrag wird euch erreichen, er wird an euch weitergeleitet, mit euch geteilt, ihr werdet getagged, oder ihr findet in über google.

Ich bin Anna Pelz, systemische  Therapeutin, Soziologin und Elterncoach mit den Schwerpunkten Trennung und Eltern-Kind-Entfremdung.

Eltern-Kind-Entfremdung in der Schule erkennen Schüler unterstützen.

Entfremdete Kinderm die unter einem Loyalitätskonflikt leiden, können Verhaltensauffälligkeiten aufweisen, die sich u.a. in der Ablehnung eines Elternteils – in aller Regel des „Umgangselternteils“ – äußern können.

Gründe für das Telefongespräch mit der Lehrkraft und warum ich ihm beiwohnte.

Der Anlass dieses Beitrags ist, wie gesagt, ein Telefongespräch eines Elternteils mit einer Lehrkraft. Wie sooft formuliere ich geschlechtsneutral, deshalb diese etwas umständliche Umschreibung. Um es zu vereinfachen, werde ich ab jetzt den Elternteil, der das Gespräch führte und der das Kind lediglich alle 2 Wochenenden betreut (sog. Umgang) als Y bezeichnen. Der Elternteil, bei dem das Kind wohnt, wird jetzt X genannt. Also: X = wohnen, Y = Umgang.

Ich war als Supervisorin für Y dabei. Ich kenne beide Elternteile, ich kenne das Kind und ich kenne die Geschichte. Ich kenne auch die chronische Scheißegalitis  der meisten bisher involvierten Fachkräfte – sorry für den Ausdruck, doch dieser gibt die Einstellung am besten wieder. Meine Aufgabe war, zu beobachten, inwiefern die Gesprächsführung des Elternteils die Fachkräfte möglicherweise immer wieder dazu gebracht hat, den Rückzieher zu machen. Ein guter Auftrag und auch sehr vernünftig, immer mit sich selbst anzufangen, statt andere zu beschuldigen.

Das Gespräch fand aus zwei Gründen statt: zum einen ist das Kind, das erst in der zweiten Klasse ist, in seiner Versetzung gefährdet. Spannenderweise ist Elternteil X, bei dem das Kind lebt, selbst Lehrkraft. Das Kind ist dennoch ein Außenseiter und seine schulischen Leistungen unterdurchschnittlich, obwohl es ein aufgewecktes und intelligentes Kind ist, das in der Umgebung von Y während der Umgänge schnell und effektiv lernen kann.

Das wurde zunächst besprochen, die Gründe konnte die Lehrkraft „nicht nachvollziehen“. Es war für diese Person nicht erklärbar, warum das Kind zwei unterschiedliche Lernverhalten an den Tag legt und offenbar auch zwei unterschiedliche IQs.

Ich hatte da gleich so eine Idee, davon vielleicht mehr in einem separaten Beitrag.

Der andere Grund war, dass Elternteil Y nachfragen wollte, ob die Lehrkraft irgendetwas von seinem Kind gehört hat. Das Kind meldet sich nämlich seit dem letzten Umgang nicht – ungewohnt, da es ansonsten regelmäßig angerufen hat, Elternteil X beantwortet die Textnachrichten von Y nicht und ans Telefon geht diese Person schon seit Jahren nicht. Die Kommunikation wurde praktisch vollständig geblockt, mit einer Ausnahme:  Der aktuelle Umgang, der am Wochenende stattgefunden hätte, hat eben nicht stattgefunden mit der kurz angebundenen Begründung per Textnachricht, dass das Kind krank sei. Eine Krankmeldung (ohne Diagnose) wurde gesendet inklusive Nachricht, dass das Kind von X betreut werden müsse. Was übrigens nicht stimmt, denn wenn das Kind transportfähig ist, kann, darf und soll es auch vom anderen Elternteil während der Krankheit betreut werden.

Im Gespräch mit der Lehrkraft stellte sich allerdings heraus, dass das Kind an all den Tagen, an denen es offiziell krank geschrieben war, in der Schule gewesen ist und dass es ihm gut ging. Das ist im Grunde nur ein Paradebeispiel dafür, wie dreist manche Elternteile vorgehen können, ohne im Geringsten zu befürchten, dass eine Lüge auffliegt.

Reaktionen der Lehrkraft als Ausdruck der Hilflosigkeit und Überforderung.

Gehen wir zurück zu dem Telefongespräch. Die Lehrkraft musste selbst schlucken, als sie hörte, wie unverschämt der Elternteil X vorgegangen ist. Sie schwieg lange, dann begann sie zu stammeln und etwas in der Art hervorzubringen, dass sie es doch verstehen könne, da sie doch jedes Mal beobachtet, wie sehr das Kind leidet, an den Tagen an denen es zum Umgang abgeholt werde. Das Kind leide und wolle nicht zum Umgang, und das würde dieser Lehrkraft so leid tun. Sie habe sogar gefragt, warum das so sei, da habe das Kind geantwortet, es wolle nicht zu Y, weil es dort den Elternteil X nie anrufen dürfe. Was im Übrigen auch Schmarrn ist, weil selbst ich als Außenstehende mehrere Male erlebt habe, dass das Kind nicht nur telefonieren durfte, sondern sogar mehrfach ein Telefonat angeboten bekam, inklusive Privatsphäre.

Die Lehrkraft schwelgte in dem Mitgefühl für das Kind und – spannenderweise – lachte dabei. Das hörte sich in etwa so an:

Na ja, wissen Sie… hahaha… also, ich sehe wirklich, wie…hahaha…ihr Kind soooo leidet, als es da so sitzt und auf Sie wartet…. hahaha, ohhhhhhh… und es tut mir dann sooooo leeeeeiiiid.. ahahahaha.. Wissen Sie…

Sie sehen: es war nicht diese Art von Lachen, wenn wir etwas lustig finden. An dieser Stelle wurde mir klar, dass diese Lehrkraft möglicherweise einfach nur keine Erfahrung mit dem Thema Entfremdung hatte und mit der Situation vollständig überfordert hat. Denn wann lachen wir? Wir lachen nicht nur dann, wenn uns etwas belustigt, sondern auch dann, wenn wir verunsichert sind. Wer von euch schon mal von einem Fernsehreporter auf der Straße mit irgendeiner überraschenden Frage angequatscht wurde, der kennt das. Wir können mit dem Sachverhalt erstmal nichts anfangen und fangen deshalb an, aus Verlegenheit zu lachen. Im übrigen sehr gut bei den Primaten zu beobachten, wenn sie sich in freier Wildbahn aus irgendeinem Grund verunsichert fühlen: sie beginnen, laut zu „lachen“.

An dieser Stelle wurde mir, wie gesagt, klar: diese Person war vermutlich auch einfach verunsichert.  Weil sie den Elternteil Y kannte und wusste, wie liebevoll die Beziehung den beiden ist. Elternteil Y ist es wohl auch aufgefallen, dass die Lehrkraft zwiegespalten war. Er begann, die Sachverhalte zu schildern, Beispiele für Auffälligkeiten zu zeigen, die in der Vergangenheit sogar von der Lehrkraft selbst stammen und thematisiert wurden –  und deren Gründe für die Diskrepanzen zu erläutern. Half alles aber nichts. Die Lehrkraft hat – nach meiner Beobachtung –  zwar erkannt, dass das insgesamt etwas gewaltig nicht stimmt, war jedoch nicht bereit, die ihr unterbreiteten Erläuterungen wenigstens als Arbeitshypothese anzunehmen. Sie „ja, aberte“, lachte jedes Mal verlegen, wenn der Begriff  „Entfremdung “ fiel, stellte einige belanglose Fragen und beendete das Gespräch relativ schnell.

Mit Wissen gegen Unsicherheit: sich über Eltern-Kind-Entfremdung informieren und handeln.

So. Und jetzt kommt der Teil mit den Impulsen für Lehrkräfte.

Ich gehe davon aus, dass, wie gesagt, Sie mindestens ein solches Kind in Ihrer Klasse haben. Ein Trennungskind. Eines, das eben etwas anders ist. Also irgendwie schon wie alle, aber dann doch nicht ganz. Manchmal ja. Aber manchmal eben auch nicht. Sind halt so Phasen. Wird sich schon herauswachsen, spätestens im neuen Schuljahr. Sie haben schließlich den Elternteil X gefragt, bei dem das Kind lebt. Alles in Ordnung dort. Der Elternteil so ein netter Mensch. Herzlich. Und so gut angezogen. Und wie das Kind an dieser Person hängt, da geht einem das Herz auf. Die Trennung, na ja, klar, und der/die Ex ist so ein Unruhestifter. Wäre der/die nicht, wäre doch alles bestens. Man kennt das ja selbst irgendwie, schließlich hat jeder mal in seinem Leben eine beschissene Trennung erlebt. Und hat deshalb vollstes Verständnis für diesen Elternteil. Und für das Kind, dass es diesen anderen Elternteil nicht sehen will. Ihn beschimpft. Ja, den Ärger kann man wirklich verstehen. Emotionen sind wichtig. Den Zugang dazu zu finden und so.

Wenn Sie sich nur teilweise darin erkennen – auch ohne es an dieser Stelle zugeben zu wollen (können Sie ruhig auch später machen) – ist es schon mal sehr gut und ein Ausdruck Ihrer Professionalität. Die Fähigkeit der Selbstreflexion und auch die Fähigkeit, Gedanken zuzulassen und auszuhalten. Ein Punkt für Sie.

Wenn Sie sich in dieser Situation auf irgendeine Art wiedererkennen, dann kennen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einen Täter oder eine Täterin, der/die das Kind in diesen Zustand versetzt hat oder zumindest erheblich dazu beigetragen hat – bewusst oder unbewusst.

Wenn Sie sich an dieser Stelle jetzt fragen, was Sie da tun können oder könnten, ist es ein weiterer Punkt für Sie.

Was, wann und wie tun, um ein entfremdetes Kind zu unterstützen?

Hier einige Impulse:

1. Werfen Sie die bisherigen Gedanken, dass es „irgendwie schon wird“ über Bord.

Und das am besten sofort. Wird es nämlich nicht. Die Entfremdung ist zwar keine Krankheit, wird zumindest nicht als solche im ICD geführt. Es gibt auch Menschen, die meinen, es sei Quatsch, Entfremdung gebe es nicht, nur eine amerikanische Erfindung eines Kauzes mit fragwürdigem Ruf. OK. Sie können und dürfen weiterhin so denken. Dennoch gibt es Symptome, unter denen die Kinder leiden. Diese können und dürfen nicht geleugnet werden.

Und ich glaube deshalb voll und ganz dieser Lehrkraft, die im Telefonat geäußert hat, das Kind würde so sehr leiden.

2. Werden Sie sich dessen bewusst, dass das Leiden vielschichtig ist.

Das ist der Punkt: das Leiden ist in seiner Gesamtheit echt. Es ist da. Es wird vom Kind gespürt und erlebt. Es ist Ihnen schließlich aufgefallen. Es ist völlig egal, welchen Namen Sie dem Ganzen geben. Sie können es von mir aus als Käsetorte mit Senfglasur benennen. Oder frei nach Harry Potter als das, „dessen Bezeichnung nicht ausgesprochen werden darf“.

Nennen Sie es oder nennen sie es nicht. Es ist trotzdem da.

Und das Leiden ist nicht nur seelischer Art, also nicht nur, dass das Kind schmollend, traurig, teilnahmslos oder mit vor Angst weit aufgerissenen Augen in der Ecke sitzt – was an sich schon Übel genug wäre. Es sind auch körperliche Symptome, die sich dazu gesellen: Bauchschmerzen, Übelkeit, Ausschlag, Fieber, Kopfweh, Schwindelgefühl.

3. Werden Sie hellhörig. Und hellsichtig.

Beobachten Sie das Kind in seinen guten und schlechten Phasen. Was ist der gemeinsame Nenner? Wann kündigen sich die Tiefphasen an? Wann tritt der Tiefpunkt einweichen? Welche Symptomatiken treten wann auf? Erstellen Sie (gedanklich oder auf Papier) eine Übersicht der Symptome und Verhaltensweisen.

Welche Kausalketten/Regelmäßigkeiten fallen Ihnen auf?

Welche Ausnahmen gibt es (wichtig für die künftige Arbeit mit dem Kind)?

Beobachten Sie das Kind in der Interaktion mit den Eltern, insbesondere mit den X-Eltern. Welche Auffälligkeiten konnten Sie beobachten?

4. Suchen Sie nach Ursachen

Damit meine ich nicht nach Auslösern, sondern nach Ursachen/Gründen. Also geht es hier nicht um das vordergründige Ereignis, nämlich, dass das Kind zum Umgang abgeholt wird und die damit zusammenhängende oberflächliche Annahme, dass dies die Ursache für die Symptome des Kindes sei. Das ist in dem Moment nur ein Teil der Symptomatik. Ein Anzeichen. So wie ein Durchfall nur ein Symptom ist. Die Ursachen/Gründe können vielfältig sein. Das kann etwas schlechtes gewesen sein, was wir gegessen haben, es können Bakterien sein, Viren oder Darmkrebs.

Wenn das Kind Symptome zeigt und darunter leidet, dann ist der Umgang in aller Regel nur der Auslöser. Der Grund dagegen kann und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Loyalitätskonflikt, den das Kind empfindet und in den es oft gezielt und mit Vorsatz befördert wurde. Um entscheiden zu müssen. Um sich für einen Elternteil auszusprechen, zu ihm zu halten, dessen emotionalen Defizite zu füllen.

Und um den anderen Elternteil aus Loyalität abzulehnen.

Das ist der Grund. Der Loyalitätskonflikt.

Dahinter steckt oft das bewusste oder unbewusste Verhalten eines Elternteils – oder anteilig beider Eltern – kann alles sein. Der Elternteil, den Sie als aufgeschlossener empfinden, ist der Elternteil, mit dem Sie als erstes das Gespräch suchen sollten. Ich meine damit nicht den Elternteil,  der nur so tut, als wäre er/sie kooperativ. Ich meine diesen, der Sie möglicherweise auf diese Thematik aufmerksam gemacht und einige für Sie unbequeme Dinge genannt hat. Reflektieren Sie Ihren inneren Widerstand, dieses hartnäckige „Ach, so schlimm ist es bestimmt nicht“. Lassen Sie den Gedanken zu, dass der Schein trügen kann. Halten Sie diesen Gedanken aus. Arbeiten Sie damit, indem Sie z.B  in Supervision gehen.

5. Stärken Sie ihre Sicherheit, treten Sie authentisch auf.

Lachen oder Lächeln Sie nicht, wenn Sie über das Thema Eltern-Kind-Entfremdung sprechen. Fummeln Sie sich nicht an den Haaren,  gestikulieren Sie nicht übertrieben, sprechen Sie nicht mit künstlich modulierter Stimme. Bleiben Sie Sie selbst. Versenden Sie klare Botschaften. Das Thema ist weder lustig noch locker-leicht. Und falls Sie sich aktuell darin unsicher fühlen, dann tun Sie etwas dagegen: lesen Sie, tauschen Sie sich aus, suchen Sie nach Infos. Gewinnen Sie neue Erkenntnisse, um seriös und authentisch mit dem Thema Entfremdung umzugehen. Haben Sie den Mut, Menschen Stirn zu bieten, die Ihre Wahrnehmungen und Reflexionen zu bagatellisieren versuchen.

Ich bin auch gern bereit, mit Ihnen in diesen Prozess zugehen – rufen Sie mich an, schreiben Sie mir einen Kommentar. Ich komme gern in Ihre Schule oder Kita und halte dort einen Vortrag für alle, anschließend können wir uns alle austauschen. Haben Sie Mut zur Stärke, stärken Sie ihre Stärke kontinuierlich.

6. Sagen Sie nein zur Mittäterschaft

Bilden Sie keine Koalitionen mit dem anderen, ach so armen und/oder heldenhaften, kumpelhaften, auf Knopfdruck lustigen, übereloquenten, adrett angezogenen Elternteil, der versucht, alles – oder das meiste – auf den anderen Elternteil zu schieben und diese Person als Grund für die Symptome des Kindes vorzuschieben. Seien Sie vorsichtig. Lassen Sie sich nicht einlullen. Empathie ist ok, falls Ihnen jemand sein ach,  so schlimmes gesamtes Leben vorheult. Das dürfte sogar die Wahrheit sein, denn ich habe noch keinen entfremdenden Elternteil erlebt, der eine emotional gesunde Kindheit und Jugend hatte. Sich da aber mit einziehen zu lassen, dies als Rechtfertigung für die psychische Misshandlung der Kinder zu betrachten und damit nach der Pfeiffe dieses Elternteils zu tanzen, indem man auf den Mitleider vom Dienst tut, ist unprofessionell. Und schadet dem Kind.

Indem Sie als Verbündete/r mitmachen, werden Sie zum Mittäter/Mittäterin. Wenn Sie jetzt vielleicht denken, na ja, das ist aber noch lange keine Mittäterschaft, dann enttäusche ich Sie gern an dieser Stelle. Ist es doch. Der Beschluss des EGMR von 2019 (Pisica ./. Moldawien) erkennt die Eltern-Kind-Entfremdung als psychische Kindesmisshandlung an. Indem Sie schweigen, vertuschen, Koalitionen eingehen oder die Entfremdung auf die leichte Schulter nehmen, werden Sie zum Mittäter*in.

7. Unterstützen Sie das Kind, in dem Sie es begleiten – durch Ihr Verhalten und durch Ihre Worte.

Wenn Sie merken, dass ein Kind vor dem Umgang Symptome bekommt, sprechen Sie es nicht vor der Klasse an, nehmen Sie es aber auch nicht zur Seite, um mit ihm zu reden – zu viel Fokus, kann alles nur verschlimmern und zu Vermeidung und Blockaden führen.

Fangen Sie das Kind stattdessen unauffällig bei einer natürlichen Gelegenheit ab. Zum Beispiel wenn es irgendwo allein, schweigend und geistesabwesend sitzt. Setzen Sie sich zu dem Kind. Schweigen Sie gemeinsam.  Wie der kleine Prinz und der Fuchs. Weil Worte oft zu Missverständnissen führen können. Stellen Sie keine Fragen nach dem “warum oder weshalb” das Kind traurig sei, was denn los sei etc. Ganz ehrlich, es sind Dinge, bei denen es selbst uns Erwachsenen/Fachleuten schwer fällt, sie in Worte zu fassen. Wie soll ein Kind es dann tun? Eine rhetorische Frage. Sie kennen die Antwort: das Kind kann in diesem Moment nur ausweichen, weil es überfordert ist.  Sie werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nur die Antwort hören, dass es eben nicht zum Elternteil Y will. Und wenn Sie nach dem Warum fragen, werden Sie irgendeinen Grund hören, der vermutlich von der Wahrheit recht weit entfernt und nicht hilfreich ist.

Zeigen Sie stattdessen Verständnis für die Emotionen des Kindes (kein Mitleid!). Sagen Sie, dass Sie es verstehen. Gehen Sie nicht zu schnell auf die Lösungsebene, unterbreiten Sie keine Vorschläge, schon mal gar nicht in der “nicht”-Form (“Möchtest du denn NICHT…?”). Bleiben Sie einfach bei dem Kind sitzen. Erlauben Sie sich und ihm das Schweigen. Halten Sie es aus.

Und wenn Sie dann sprechen, vewenden Sie kein „aber, vielleicht, eigentlich, leider“.

Sprechen Sie in kurzen Sätzen und mit einfachen Worten. Schildern Sie neben dem Verständnis auch von Ihren eigenen positiven Eindrücken von dem Umgangs-Elternteil, um die Stimmung zu relativieren. Vermeiden Sie Superlativen,  sprechen Sie gemäßigt. “Ich finde deine Mama/deinen Papa nett.” Begründen Sie detailliert, differenziert, erwähnen Sie kleine Dinge als Begründung. Z.B. “Ich weiß noch, als er/sie das letzte Mal hier war. Da hat er /sie sich nett mit mir unterhalten. Er/ sie war sehr stolz auf deine Fortschritte in Mathe/Deutsch/ Wasweißich.”

Wenn Sie lächeln, lächeln Sie aufrichtig. Wenn Sie spüren, wie sich die Muskeln um ihre Augen reflexartig zusammenziehen, dann lächeln sie aufrichtig. Lächeln Sie nicht, um die unangenehme Stimmung zu überspielen. Das wirkt oft einfach nur gruselig und bewirkt eher das Gegenteil.

Es ist alles ein Spagat, keine Frage. Und anfangs werden Sie vielleicht keine besonders großen Effekte erkennen und sich denken, was das denn helfen soll, wenn Sie nur da sitzen und ein paar einfache Dinge sagen.

Dann gilt Punkt 3: weiter aufmerksam beobachten, zuhören, Unterschiede bemerken, um die dahinter möglicherweise verborgenen Ressourcen der Kinder zu stärken indem Sie Punkt 7 anwenden.

Und: bleiben Sie dran. Begleiten Sie das Kind, seien Sie immer wieder da. Kontinuierlich. Einfach so.

Diese Art von Arbeit kann sich für das Kind als viel effektiver erweisen, als wenn Sie versuchen, einen oder beide seiner Elternteile zu bekehren.

Und wenn Sie jetzt das Gefühl haben, dass Sie noch nicht ganz wissen, wie Sie das alles auf die Situation eines Kindes in Ihrer Schule oder Klasse übertragen sollen, wo und wie Sie anfangen sollen, wenn Sie sich unsicher sind, ob ein Kind entfremdet ist oder entfremdet wird – kontaktieren Sie mich ruhig. Wie gesagt, ich freue mich auf Kommentare, Mails, WhatsApps. Ich freue mich auch, wenn Sie mich auf Facebook und Instagram besuchen.

Ich tausche mich gern mit Ihnen aus, telefonisch, online oder persönlich, ich komme gern in Ihre Schule und erzähle etwas über das Thema für alle. Ich bin immer auf der Suche nach guten Gesprächen und hoffe, in Ihnen eine*n Gleichgesinnte*n gefunden zu haben.

Und das war’s auch schon wieder von mir. Ich bin Anna Pelz. Bis zum nächsten Mal, wenn Sie mögen.

Eltern-Kind-Entfremdung, Hilfe, Coaching, Beratung & Kommunikation

Hallo mein Name ist Anna Pelz

Ich biete professionelle Hilfe bei Eltern-Kind-Entfremdung, für betroffene Elternteile und andere Familienmitglieder. Deutschlandweit (auch telefonisch und online).

Hilfe bei Eltern-Kind-Entfremdung, mein Angebot
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kontakt@anna-pelz.de

6 Comments

  1. Murat Cosgun 30. Mai 2022 at 23:39 - Reply

    Vielen Dank für diesen Artikel. Entfremdung durch einen Elternteil fruchtet nur dadurch, dass auch Dritte zu Mittätern werden. Es sind Lehrer, Ärzte, andere Eltern usw, die sich bewusst oder unbewusst instrumentalisieren lassen und damit die Herabsetzung eines Elternteils fördern. Solche psychisch missbrauchten Kinder fallen nicht unbedingt negativ in der Schule auf. Der Loyalitätskonflikt zwingt sie, sich anzupassen, um die Lügen des entfremdenden Elternteils zu rechtfertigen; dh sie können Klassenbeste und sehr ehrgeizig sein. Zu glauben, es sei alles deshalb in Ordnung, ist fahrlässig. Der Missbrauch rächt sich dann im späteren Leben. Ignoranz und Passivität von Lehrkräften wie auch von anderen Eltern ist inakzeptabel und kommt einer Mittäterschaft gleich, denn es ist unsere gesellschaftliche Verantwortung, Missbrauch zu erkennen, zu melden und zu verhindern.

    • Anna Pelz 31. Mai 2022 at 0:02 - Reply

      Danke für diese sehr gute Ergänzung. Mit meinem Beitrag möchte ich deshalb Lehrkräften Mut zur Mut geben.

  2. Sascha Persichella 31. Mai 2022 at 10:47 - Reply

    Lieben Dank für diesen Beitrag. Insbesondere Lehrkräfte sind sehr nah dran an unseren Kindern, dass gewisse Verhaltensmuster auffallen sollten, wenn man dann hinsieht. Hier dann NICHT mit Passivität und Schweigen zu reagieren, weil man selbst ja die Erfahrung hat, dass Kinder nicht gleich sind und unterschiedliche Charaktere haben und weil man sich nicht um jedes Kinder im Einzelnen kümmern kann, wäre für ein betroffenes Kind schon hilfreich. Ich denke, Kinder mit solchen Entfremdungssituationen sind aufgrund des Loyalitätskonfliktes und der eigenen Erfahrungen mit oder durch das betreuende Elternteil (X) Meister des Versteckens oder des Überspielens, doch in Wirklichkeit wollen sie gesehen, gehört und verstanden werden!

    Vielleicht noch ein kleiner Nachtrag zu dem Beitrag:
    „….Und dann gibt es noch diese Entfremdungskinder, die nicht regelmäßig oder unregelmäßig zum Umgangswochenende von Y abgeholt werden und hier vielleicht kausale Auffälligkeiten zeigen. Es gibt auch solche, die Y schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen haben, die sich vielleicht mit der Situation abgefunden haben, sich damit abfinden mussten, die Y selbst nie erwähnen oder vielleicht sogar verbal ablehnen, deren Loyalitätskonflikt sie lernen ließ, ein Meister der Täuschung zu werden……“

    Alleine die Tatsache, dass ein Kind vor den s.g. Umgangswochenenden Auffälligkeiten zeigt, sollte eine Lehrkraft hinterfagen und handeln lassen. Aber auch wenn der Lehrkraft lediglich ein Elternteil (X) bekannt ist und das andere (Y) ganz und gar nicht, weil z.B. das alleinige Sorgerecht besteht und/oder das andere Elternteil (Y) im und um dem Schulleben des Kindes keine Rolle spielt, sollte eine Lehrkraft auch hier die Ursachen/Gründe kennen, um ggf. dem Kind zu helfen.

    • Anna Pelz 31. Mai 2022 at 13:05 - Reply

      Danke für den Kommentar und den Nachtrag. Ist auf jeden Fall sehr gut, das zusätzlich zu verdeutlichen. Ich arbeite jetzt aktuell an einem weiteren Infoblatt, da würde ich es gern für verwenden.

      Eines Ihrer Sätze hat mich besonders angesprochen: dass Kinder in Loyalitätskonflikten gesehen und gehört werden wollen. Genau das hat mir nämlich eine erwachsene Frau gesagt, die einst ein entfremdetes Kind war. Ich habe sie für meinen Blog interviewt. Sie sagte, sie hätte sich gewünscht, dass jemand ihr Leid bemerkt und gehandelt hätte.
      Link zu dem Interview:
      Interview mit einer Erwachsenen, die einst ein entfremdetes Kind war.

  3. Frank 1. Juni 2022 at 16:33 - Reply

    Herzlichen Dank Anna, dieser Artikel ist sehr gut gelungen. Eine Ansprache/Angebote an Lehrkräfte ist längst überfällig. Leider, so mutmaße ich, werden Sie diese hier seltenst erreichen. Der Thematik „Trennungskinder“ sollte in den Schulen grundsätzlich besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden, nicht nur explizit „Entfremdung“ betreffend.
    Ich zB hatte vor genau einem Jahr zufällig von „Auffälligkeiten in der Schule“ erfahren. Mein Junge unterlag bereits Jahre der Indoktrination durch X nebst Fam. und die Ablehnung von Y nahm kontinuierlich zu. Als Y nahm ich erstmals Kontakt zur Schule auf, trat geduldig aber akribisch mit allen neun Lehrkräften + Sozialdienst in Kontakt. Dieses wurde von nahezu allen Beteiligten positiv bewertet und ich erhielt wohlwollend umfangreiche Auskünfte. Viele Auffäligkeiten des Jungen wurden benannt, Lehrer/Lehrerinnen teils erschüttert bis hin zu ratlos. Auf die Idee „Entfremdungskind“ kam keiner, darauf angesprochen reagierten alle ziemlich desinformiert. Sie wussten zwar durchweg, dass mein Junge ein Trennungskind ist, wunderten sich jedoch nie, dass immer nur, wenn überhaupt, X in Erscheinung trat. Zu Y wurde vereinzelt „spekuliert“… an ein evtl. gemeinsames Sorgerecht dachte Niemand, zu evtl. Umgang war ebenso nichts bekannt. Schulische Informationen zu Kind gab es für Y selbstredend nie, dass ich solche nun forderte, stieß teils auf Verwunderung.
    Durch die teils ausgedehnten Gespräche erreichten mich Hinweise u.a. auf mögliche Kindeswohlgefährdung, was ohne mein Engagement nicht wirklich wäre in der Schule an irgendwelcher Stelle thematisiert geworden. Einige Lehrer zeigten sich interessiert an Hintergründen/Ursachen für das Verhalten eines ihrer Schüler, weitere durchaus hilfsbereit…
    Quintessenz daraus, dass Belange, Verhalten, Ursachen in irgendeiner Form mit Trennungskind/Entfremdung zu tun haben könnte, solche Vermutung war bei den umfangreichen Kontakten nicht zu erkennen. Ob eine Schule mit 56 Klassen und 1.400 Schülern überhaupt Interesse an solchen Themen oder der Verhaltens-Aufklärung bei vereinzelten Schülern hat, möchte ich in Frage stellen.

    • Anna Pelz 2. Juni 2022 at 20:40 - Reply

      Ich auch. Deshalb spreche ich darüber. Je mehr und deutlicher darüber gesprochen wird, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass es gehört, verstanden und angenommen wird.

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