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Eltern-Kind-Entfremdung, Prävention, Verhalten

Kind will nicht zum Umgang mitkommen – Fallbeschreibung und Lösungsansätze.

2. November 2021

Wenn die Übergabe an der Entfremdung scheitert.

Anonymisierter Fall mit anschließenden Impulsen:

Elternteil X holt das Kind vom Elternteil Y zum Umgang ab. Als Bekannte von X (und früher auch von Y) bin ich als Zeugin zugegen, da die Übergaben bisher alles andere als unproblematisch verliefen. Das Kind kennt mich recht gut und mag mich. Y entfremdet das Kind schon seit längerem ohne Rücksicht auf dessen emotionale Verluste, die Anzeichen mehren sich, X befürchtet, dass sein Kind diesmal den Umgang verweigern wird.

Eltern-Kind-Entfremdung und Umgangsverweigerung.
Eltern-Kind-Entfremdung ist eine häufige Ursache der Umgangsverweigerung durch das Kind.

Tatsache.
Wie im Film „Weil du mir gehörst“ fremdelt das Kind zunächst, drückt dann sein Gesicht in den Bauch von Y, umklammert dessen Rücken und beginnt zu weinen. Für mich klar: zweite Stufe der Eltern-Kind-Entfremdung nach Gardner, auf dem Mist von Y gewachsen.
Im Film hat die Trulla vom Jugendamt in dieser Szene gesagt, „Es ist besser, wenn wir das Ganze an der Stelle abbrechen“. Oder sowas in der Art, jedenfalls etwas von der Marke „Ich wasche mir die Hände in Unschuld“.

Ich beschränke mich zunächst nur aufs Beobachten. Bin hier schließlich nicht beruflich unterwegs, sondern nur als eine Bekannte, die als Zeugin fungiert.
Doch dann beschließe ich einzugreifen, denn das Kind weint weiterhin, beginnt zu schreien, schnappt nach Luft, ruft gebetsmühlenartig nach Y, obwohl es in genau dessen Bauch sein Gesicht drückt. Mit einem abwesend-engelhaften Lächeln schaut Y zum Kind herunter und tätschelt teilnahmslos seinen Kopf, als wäre das Kind ein Hund.
Gruselig.
Ich unterbreche die Szene.
„Was passiert hier gerade?“ frage ich Y ruhig. Eine sachliche, wertungsfrei gestellte Frage. Wirkt offenbar überraschend. Y blickt ruckartig auf, das Gesicht wie eine zähnefletschende Maske. Die Augen lächeln nicht mit, blicken kurz prüfend zu mir, dann wieder zum Kind. Keine Antwort. Das Tätscheln wird fortgesetzt, begleitet von einem „Sch…. Sch….“, das aber auf das Kind keineswegs beruhigend wirkt.
Kind wird immer hysterischer, das Lächeln von Y immer breiter.
„Erklär mir bitte, was hier gerade passiert“ diesmal formuliere ich es als Aufforderung, ruhig und leise, betone aber jedes Wort deutlich, um Y aus dem tranceartigen Zustand herauszuholen, der nicht nur dem Kind, sondern langsam auch mir Angst macht.
Es wirkt.
Y blickt zu mir und fletscht wieder die Zähne. Diesmal bleibt Y’s Blick auf mich gerichtet. Das Tätscheln hört auf. Das Kind wird ruhiger.
„Tja, das Kind will eben nicht mit“ erklärt mir Y mit einer Stimme voller tiefster innerer Befriedigung.
„Wie kommt’s?“ frage ich ruhig.
Y’s Lächeln verschwindet schlagartig.
Das Kind wird jetzt vollständig still, lockert den Griff, beginnt zu horchen.
Schulterzucken von Y als Antwort.
Kind lockert die Umarmung, schaut abwechselnd mich und Y an. Y zieht es wieder an sich und drückt den Kopf des Kindes an sich.
„Wie kommt’s?“ frage ich erneut. Wieder jedes Wort ruhig betonend.
„Ja, was soll ich dazu sagen?“ fragt Y zähnefletschend.
„Die Wahrheit genügt vollkommen“ schlage ich vor. Ruhig und freundlich. Kind löst sich wieder vollständig von Y, schaut nur noch mich an. Y grinst, zuckt, rümpft dabei die Nase und faucht mich an. Eine sehr spannende nonverbale Darbietung, die für mich Bände spricht. Eine Wahrheit, die Y von sich preisgegeben hat, ohne ein Wort zu sagen.
Ohne mich weiter zu beachten hockt sich Y zu dem mittlerweile ruhigen Kind, umarmt es und beginnt, ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Kind will sich losreißen, verzieht das Gesicht, beginnt wieder zu schluchzen und zu weinen. Y wird lauter. So kann auch ich den Inhalt hören:

„Nur 2 mal schlafen und dann sind wir wieder zusammen. Guck mal, ich bin jetzt auch ganz traurig und muss auch weinen. Aber wenn du wieder da bist, dann machen wir etwas Tolles zusammen, nur du und ich, ja? Ich weiß, dass du Angst hast. Ich habe auch Angst. Aber wir müssen jetzt sehr tapfer sein. Ich habe dich ganz doll lieb und ich werde dich ganz doll vermissen“.

Das Kind schreit wieder aus vollen Leibeskräften, hysterisch ruft es nach Y, der direkt vor ihm hockt, umklammert Y wieder.
„Deine Worte sind nicht hilfreich“ sage ich mit ruhiger Stimme, wieder langsam und deutlich. Das Kind wird wieder leiser. Als würde es warten, was als nächstes passiert.
Y faucht mich wieder an und beginnt erneut zu flüstern. Kind wird wieder weinerlich. Ich greife wieder ein, um das Gruselspektakel zu beenden.
„Ich mache dir jetzt einen Vorschlag: du begleitest dein Kind zum Auto, hilfst ihm beim Anschnallen und winkst zum Abschied“, sage ich entschlossen. Kind schaut wieder zu mir, wird wieder ruhiger.
Y steht ruckartig auf, packt die Hand des Kindes und zerrt es zum Auto. Wirft das Kind in den Kindersitz, schnallt es an, überlegt kurz und macht wieder auf Flüsterer. Kind bricht wieder in Tränen aus. Y lächelt zufrieden, knallt die Autotür zu, schaut mich triumphierend an, geht einige Schritte zurück und beobachtet das schreiende Kind mit einem verstörend gütigen Lächeln. X setzt sich ins Auto und versucht, das Kind zu beruhigen. Ich gehe jetzt auf Y zu mit der Absicht, kurz mit ihm zu sprechen. Gern würde ich erfahren, welcher Teufel Y geritten hat. Ich kenne Elternteil Y schließlich von früher und erkenne nichts mehr von der Person, die ich einst kannte und mochte. Ich suche dennoch das Gespräch. Früher konnten wir gut miteinander reden.
Y faucht mich wieder an, würdigt mich keines Blickes, grinst das immer noch heulende Kind an und winkt ihm zu. Ich stelle mich dazwischen, damit dem Kind der Anblick erspart bleibt.
„Kann ich jetzt bitte mein Kind sehen?“ fragt Y aggressiv, schubst mich zur Seite und winkt weiter mit der Emsigkeit eines Duracell-Hasen. Ansprechbar ist Y nicht mehr. Ehrlich gesagt frage ich mich in diesem Augenblick, ob Y überhaupt noch zurechnungsfähig ist. „Krank“ ist das erste und einzige Wort, das mir in diesem Moment zum Verhalten von Y einfällt.
X hat unterdessen das Kind im Auto beruhigt. Ich steige ein und wir fahren weg. Das Kind bleibt ruhig. Wir unterhalten uns über Pferde und Einhörner.

Die gesamte Situation hat ca. 5 Minuten gedauert. Y hat in dieser Zeit das Kind mehrmals mit Vorsatz (und mit deutlich wahrnehmbarer Freude daran) emotional destabilisiert und verstört – mit seinem Verhalten und mit seinen Worten. K

Trotzdem konnte ich deutlich beobachten, dass meine ruhige und sachliche Haltung für das Kind hilfreich war und ich dadurch immer wieder zu seiner Entspannung beitragen konnte. Als dritte neutrale Person konnte ich die Konfliktdynamik immer wieder entschärfen, auch wenn mein aktiver Beitrag minimal war. Hätte Y nicht aktiv nachgeladen, wäre für das Kind bereits die erste Intervention – meine Frage an Y – hilfreich.

Wenn Sie regelmäßig ähnliche Übergabe-Situationen bewältigen müssen oder befürchten, dass dies aufgrund der fortschreitenden Entfremdung bald passieren wird, nehmen Sie rechtzeitig eine dritte Person mit. Es muss nicht jemand „vom Fach“ sein. Wählen Sie eine Person, von der Sie und Ihr Kind wissen, dass sie in Stresssituationen ruhig bleibt und allein durch ihre Präsenz deeskalierend wirkt. Am besten eine Person, die auch ihrer/m Ex als solche bekannt ist. Diese Person muss dabei nichts sagen oder tun, oft genügen ihre souveräne Präsenz und Ausstrahlung. Eine neutrale, souveräne dritte Person kann vom Kind durchaus als jemand wahrgenommen werden, der die Rolle des Vermittlers zwischen den Elternteilen übernimmt oder als eine Art natürliche Autoritätsperson den Konflikt auffängt und im Notfall die Handbremse zieht. Diese Gewissheit kann sehr entlastend auf das Kind wirken, das sich ansonsten in solchen Situationen in aller Regel verpflichtet fühlt, für Harmonie zwischen den Eltern zu sorgen oder, wenn es keine Chance dafür sieht und der Druck zu hoch ist, sich eben für einen Elternteil zu entscheiden.
Die Dynamik während der Übergabe verändert sich allein durch die Anwesenheit einer solchen dritten Person. Die sonst an den Tag gelegten Verhaltens- und Kommunikationsmuster werden verstört, irritiert, müssen neu zusammengewürfelt werden. Das System muss sich neu ausrichten. Das Kind erlaubt es sich, seine Retter-Rolle zu verlassen und an die dritte Person abzugeben.
Zusätzlich können Sie versuchen, die Übergaben an einem neutralen Ort zu vollziehen: Spielplatz, Schule, Kita. Für die Entfremder entfällt damit eine weitere wichtige Säule, auf der sie ihr Prozedere aufbauen: der Heimvorteil.
Sind die Umstände ausgeglichener, kann die Übergabe neutraler verlaufen und das Kind weniger belasten.

P.S. Sie können auch einen gerichtlichen Umgangspfleger beantragen – hier greift jedoch, ähnlich wie bei Verfahrensbeiständen und anderen „Helferlein“ die Forrest-Gump-Regel: Der gerichtliche Helferlein-Pool ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, wen man bekommt. Es gibt zwar solide und engagierte Umgangspfleger etc., es gibt aber auch Dilettanten in IQ-Quarantäne, die, ähnlich wie die Jugendamt-Tante im Film, lieber den Rückzieher machen, sobald die Situation sie überfordert. Dies ist kontraproduktiv und kann die Belastung für das Kind sogar erhöhen.

 

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