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Allgemein

„Drei Nüsse für eine*n Entfremder*in“ – Oder: Weihnachtswünsche mal anders.

26. Dezember 2020

Liebe Entfremder*in,

der zweite Weihnachtstag in den Zeiten von Corona neigt sich dem Ende zu. Wie war das Fest für dich?
Glücklich, nicht wahr? Pefekt. Der Baum, die Dekoration, das Essen und die Stimmung – alles perfekt, trotz Corona. Das Weihnachtsfest ist immer perfekt bei dir. Das war es schon immer. Deine Familie und du seid für schöne Weihnachtsfeiern bekannt.
Woher ich das weiß? Ach, ich schieße einfach mal so ins Blaue hinein. Ihr seid nun mal eine glückliche Familie. Auch das nehme ich einfach mal an. Weiß doch eh jeder.

Und wenn du drei Wünsche frei hättest, wie es in jedem ordentlichen Märchen der Fall ist – … und du liebst doch Märchen, nicht wahr? Vor allem, wenn Einhörner/Drachen (unzutreffendes bitte streichen) darin vorkommen – dann hättest du keine. Wäre ich es nicht, sondern dein Kind, das dich jetzt nach deinen Wünschen fragen würde, würdest du anworten, du hättest keine Wünsche, du hättest schon alles, und du bräuchtest nichts, weil dich dein Kind sehr glücklich mache und dein größter Schatz sei.
Nur mal so, wieder ins Blaue geschossen.

Doch auch wenn du keine Wünsche hast, habe ich dir trotzdem drei Nüsse mitgebracht. Ja, wieder einfach mal so – war nur eine Idee. Du darfst sie jetzt auf die Erde werfen und schauen, was sich darin versteckt. Ach, du willst nicht? Weil du schon wirklich alles, alles, alles hast?
Dann werfe ich sie für dich.

Die Schale der ersten Nuss zerbricht auf dem gepflegten Holzboden. Eine sehr harte Schale war es. Harte Schalen sind gut, sie bewahren und schützen ihr Inneres. Keiner kann dem Inneren etwas antun, solange es in der Schale ist. Nun ist die Schale aber zerbrochen, in mehreren Stücken liegt sie auf dem Boden – das Innere der Nuss offenbart sich. Dies ist mein erster Wunsch für dich.

Ich wünsche dir eine gute Vergangenheit, an die du gern zurückdenkst. Ja, eine gute Vergangenheit wünsche ich dir. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, und was das überhaupt solle, fragst du? Nehmen wir aber einfach mal an, dieser Wunsch erfüllt sich, denn schließlich ist Weihnachten, die Zeit der wunder. Ich wünsche dir ein liebevolles Elternhaus, in dem die Eltern füreinander echte Partner fürs Leben sind. Ein Elternhaus, in dem beide Eltern einander freundlich zuhören, sich oft umarmen, küssen und lieben. Auch wenn sie allein sind – nicht nur, wenn Besuch da ist. Ich wünsche dir ein Elternhaus, in dem du willkommen bist, vom ganzen Herzen. Ein Elternhaus, in dem du unterstützt und geliebt wirst – ohne etwas dafür leisten zu müssen. Ein Elternhaus, in dem jede und jeder eine individuelle Einheit bildet und in dem jede und jeder gleichzeitig ein Teil des großen Ganzen ist. Ein Elternhaus, in dem die Familienmitglieder gern füreinander da sind. Einfach weil sie es können. Und wollen. Weil sie sich selbst lieben und noch so viel Liebe übrig haben. Ein Elternhaus, in dem du dich sicher, geborgen und dennoch frei fühlst.
Was der Mist solle, fragst du wieder? Deine Kindheit war glücklich, sagst du? Und außerdem gehe es mich nichts an?

Gut. Öffnen wir einfach die zweite Nuss. Wieder zerspringt sie mit einem leichten Knacken auf dem Boden, den du jeden Samstag mit dem teuren Holzpflegemittel einreibst. Es lohne sich. Der Boden sehe aus wie neu. Das Innere der Nuss liegt schutzlos vor dir. Dies ist mein zweiter Wunsch für dich.

Ich wünsche dir eine gute Gegenwart. Deine Gegenwart sei schon perfekt, sagst du gerade? Nein, nein, bitte versteh mich richtg –  ich wünsche dir keine perfekte Gegenwart. Perfektion ist tückisch. Die wünsche ich dir nicht, denn aus dem Lateinischen, weißt du, können wir ableiten, dass das Wort perfectio Vollendung bedeutet. Was daran so schlimm sei, fragst du? Perfekte Dinge seien der Ausdruck großer Sorgfalt und des Ausdauervermögens?
Mag sein. Da gibt es allerdings noch ihre andere Facette: Dinge, die vollendet sind, sind gefährlich. Gefährlich, fragst du? Was solle daran gefährlich sein? Nun ja. Sie sind – wenn du so willst – fertig, abgeschlossen, vollzogen. Sie werden sich nie wieder ändern (können, dürfen), weil sie nun mal perfekt sind, zu Ende gedacht, zu Ende gebracht.
Welche Gefahr dabei bitte schön entstehen solle und was an der Vollendung gefährlich sei, fragst du wieder?
Vollendete Dinge passen nicht zum Leben selbst. Perfekte, vollendete, für immer fertige  Dinge werden vom Leben überholt. Das Leben lebt, tobt, blüht, während die Perfektion – in ihrer kalten Vollendung erstarrt, sich vom Leben überholen lässt, zurück bleibt und irgendwann in weiter Ferne in Vergessenheit gerät. Perfekte Dinge sind – tot.

Ich wünsche dir eine lebendige Gegenwart. Eine Gegenwart voller Impulse, die du annimmst, Prozesse, die dadurch eingeleitet und gelebt werden. Veränderungen, Bereicherungen. Von mir aus auch Enttäuschungen, ja. Auch die können gut sein. Ent-täuscht zu sein bedeutet, sich zunächst ge-täuscht zu haben. Mit jeder Enttäuschung schulst du deine Wahrnehmung, deinen Blick fürs Leben und das Wesentliche darin.
Ich wünsche dir eine mutige Gegenwart, eine, in der du dich auf Herausforderngen einlässt, eine Gegenwart, in der du aus innerer Kraft neue Entscheidungen triffst. Deine Entscheidungen, wie sie wären, wenn eine gute Vergangenehit hinter dir läge.
Ich wünsche dir eine liebevolle Partnerschaft, eine, in der ihr einander ruhig und verständnisvoll zuhört, einander umarmt, einander küsst, immer füreinander da seid, einander Halt und bedingungslose Liebe gebt. Ich wünsche dir ein Leben, das du aktiv gestaltest, reflektierst und auf das du stolz bist. Einfach so, für dich – nicht um es den anderen zu zeigen. All das wünsche ich dir für deine Gegenwart.
Ich wünsche dir auch, dass du …

Achja, schon springt die dritte, letzte Nuss in meine Hand. Denn dies ist der dritte Wunsch, und der betrifft deine Zukunft. Die Schale zerbricht. Wieder ein leises Knacken. Der Boden ist mit silbernen Schalenstückchen übersäht. Ja, sie müssen aufgefegt werden. Und am besten noch mit dem Staubsauger drüber fahren, nicht dass sich jemand schneide.
Das kannst du gleich alles machen. Lass uns einen Blick ins Innere der Nuss werden. Doch wo bleibt das Innere?

Nichts drin.
Sei bitte nicht enttäuscht. Diese Nuss steht für die Zukunft. Und einerseits könnte ich an dieser Stelle sagen: Juhu, Weihnachten, Zeit der Wunder, schwups! – die Zukunft wird rosarot für dich, jahaaa, die wünsche ich dir.
Doch ich wünsche dir keine rosarote Zukunft. Du hast schon so viel in Rosa in deinem Leben. In deiner Wohnung, in deinem Kleiderschrank und sogar als Sonnenbrille. Es ist so viel Rosa, dass es mittlerweile fast schon wie grau wirkt. Grau wie Asche.
Es ist an der Zeit, mehr Farbe ins Leben zu bringen. Echte Farbe.

Die Zukunft ist noch leer. Und es ist auch gut so. Es liegt an dir, sie mit Inhalten zu füllen – und nur du entscheidest, welche Inhalte es sein werden. Ich wünsche dir deshalb eine Zukunft, die du bewusst, mutig und liebevoll gestaltest – für dich und deine Lieben. Ich wünsche dir, dass deine Zukunft das Ergebnis deiner Gegenwart ist,
der Entscheidungen, die du jetzt triffst, der Gedanken, die du jetzt hast, der
Worte, die du jetzt aussprichst, der Gefühle die du jetzt offenbarst.
Eine verantwortungsvolle Zukunft. Eine spannende Zukunft, eine lebendige Zukunft, die zu einer guten Vergangenheit wird, auf die dein Kind eines Tages gern und mit einem Lächeln zurückblickt und sie als Grundlage für die eigene Gegenwart – und die Gegenwart seiner eigenen Kinder – nimmt.

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