Therapie steht für Unterstützung, Stabilisierung und Schutz. Im hochkonflikthaften Trennungskontext kann sie jedoch eine strukturelle Nebenfunktion übernehmen, die selten offen benannt wird: Sie wird Teil des Machtgefüges zwischen den Eltern, weil sie sich als wirksames Instrument zur Rahmensetzung eignet.

Therapie als Instrument im elterlichen Konflikt

Wenn ein Kind Symptome zeigt – Angst, Rückzug, Ablehnung eines Elternteils –, ist therapeutische Unterstützung naheliegend. Problematisch wird es dort, wo Therapie nicht primär der Klärung dient, sondern der Stabilisierung eines bestimmten Narrativs.

Der therapieinitiierende Elternteil beschreibt Belastungen, formuliert Sorgen, benennt vermeintliche Ursachen. Das wirkt engagiert. Es kann es auch sein. Gleichzeitig entsteht ein Deutungsrahmen, der die therapeutische Arbeit von Beginn an strukturiert.

Therapeuten arbeiten professionell – davon gehe ich einfach mal aus. Dennoch arbeiten sie innerhalb eines Kontexts, der ihnen zur Verfügung gestellt wird. Wenn dieser Kontext einseitig ist, wirkt er – selbst bei hoher fachlicher Sorgfalt.
Therapie wird damit Teil eines Gefüges, in dem Deutung Macht bedeutet.

Was im Therapieraum erarbeitet wird, muss im Herkunftssystem bestehen. 

Die Rolle des dominanten Elternteils im therapeutischen Setting

In hochstrittigen Konstellationen ist die Elternrolle, meist nicht neutral. Ein Elternteil positioniert sich als vermeintliche Schutzinstanz, der andere gerät implizit in die Rolle des Belastungsfaktors.

Wird Therapie in diesem Rahmen initiiert, kann sie diese Rollenzuschreibung stabilisieren. Das geschieht nicht durch offene Parteinahme, sondern durch Schwerpunktsetzung. Was thematisiert wird, erhält Relevanz. Was nicht thematisiert wird, verschwindet aus dem Bild.

Eltern tragen hier Verantwortung. Therapie darf nicht als strategische Ressource genutzt werden, um Deutungen zu verfestigen oder Verfahren zu beeinflussen. Sobald das Kind zur Argumentationsgrundlage wird, verschiebt sich der Fokus weg von seiner Entwicklung hin zur Durchsetzung elterlicher Interessen.

Therapie wird von diesen Eltern missbraucht, um zu belegen, wie schlecht es dem Kind geht. Das kann indirekt Umgangseinschränkungen legitimieren.

Das Kind zwischen Erkenntnis und Realität

Doch selbst wenn eine Therapeutin oder ein Therapeut sauber arbeitet, sich nicht vereinnahmen lässt und systemische Wechselwirkungen reflektiert, bleibt eine strukturelle Grenze bestehen: Das Kind lebt nicht im Therapieraum.

Was dort erarbeitet wird – Selbstwahrnehmung, Ambivalenztoleranz, emotionale Differenzierung –, muss sich im Alltag bewähren. Und dieser Alltag findet im Einflussbereich der Eltern statt.
Wenn ein Elternteil weiterhin Narrative verstärkt, Loyalitätsdruck aufrechterhält oder subtile Erwartungen kommuniziert, entsteht ein massives Spannungsfeld. Das Kind steht dann zwischen therapeutischer Einsicht und realer Beziehungssicherung. In dieser Konstellation gewinnt fast immer die Bindungslogik.

Kinder sichern Zugehörigkeit. Sie riskieren nicht den Verlust emotionaler Sicherheit. Wenn therapeutische Inhalte im Widerspruch zur dominanten familiären Deutung stehen, werden sie häufig relativiert oder innerlich zurückgestellt. Nicht aus Widerstand gegen Therapie, sondern aus Loyalität.

Die Folge ist ernüchternd: Fortschritte aus dem therapeutischen Setting werden im Herkunftssystem abgeschwächt oder neutralisiert. Die Therapie verändert etwas im Individuum, aber das System bleibt unverändert. Das Kind kehrt in ein Umfeld zurück, das die alten Dynamiken reproduziert.

Individualisierung statt Systemklärung

Ein weiterer kritischer Punkt liegt in der Individualisierung. Wird das Symptom ausschließlich beim Kind verortet, bleibt die Wechselwirkung zwischen den Eltern unberührt. Die Therapie arbeitet am Ausdruck, nicht an den Bedingungen.

Das entlastet das elterliche Konfliktsystem. Es verschiebt die Aufmerksamkeit weg von Interaktionsmustern hin zur kindlichen Anpassungsleistung. Fachlich lässt sich das begründen. Strukturell stabilisiert es häufig genau jene Dynamik, die das Symptom hervorgebracht hat.
Das Kind wird damit doppelt belastet: Es trägt das Symptom und die Verantwortung für dessen Bearbeitung – ohne die strukturellen Einflussfaktoren verändern zu können.

Die zentrale Frage

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Therapie sinnvoll ist – denn sie ist es in vielen Fällen.

Die entscheidende Frage lautet, ob das Umfeld, in das das Kind zurückkehrt, mitverändert wird. Wenn das Machtgefüge zwischen den Eltern unangetastet bleibt, wenn Narrative fortbestehen und Loyalitätskonflikte weiterwirken, stößt jede individualtherapeutische Intervention an systemische Grenzen.
Therapie kann Impulse setzen. Sie kann entlasten. Sie kann stabilisieren.
Sie kann jedoch keine strukturelle Dynamik ersetzen, die im Alltag des Kindes fortbesteht.

Im Mittelpunkt sollte daher nicht stehen, was das Kind im Therapieraum leistet, sondern welche Bedingungen es außerhalb dieses Raums vorfindet – und wer von den Eltern, und Beteiligten Professionen bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen.

An Fachkräfte

Bitte prüfen Sie nicht nur das Symptom, sondern auch den Kontext, in dem es entsteht. Hinter jeder kindlichen Belastungsreaktion steht ein Beziehungssystem.

Wer ausschließlich am Individuum arbeitet, statt das gesamte System zu berücksichtigen, definiert damit implizit das Problem.

Reflektieren Sie den Auftrag, prüfen Sie alternative Hypothesen und machen Sie strukturelle Einflussfaktoren transparent, um die Kinder zu entlasten und die Verantwortung dorthin zu verschieben, wo sie hingehört.

Hallo mein Name ist Anna Pelz

Ich biete fachliche Hilfestellung bei induzierter Eltern-Kind-Entfremdung für betroffene Eltern, Familienmitglieder und Fachkräfte im Bereich der Familienberatung und des Familienrechts. Deutschlandweit (auch telefonisch und online).