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Eltern-Kind-Entfremdung, Kommunikation, Verhalten

Entfremdete Kinder richtig loben (Parental Alienation)

9. September 2021

Lob als Manipulationstechnik bei Eltern-Kind-Entfremdung und mögliche Gegenstrategien

Zu diesem Beitrag haben mich drei Impulse inspiriert: Zum einen ein YouTube-Video von Dr. Stefan Rücker darüber, wie wir unsere Kinder richtig loben können und warum richtiges Lob wichtig ist (hier geht es zum Video). Zum anderen, weil mir in meinen Coachings immer wieder von vielen Elternteilen berichtet wird, dass ihre entfremdete Kinder quasi süchtig nach Lob sind – inklusive Entzugserscheinungen. Und drittens kam ich auf dieses Thema, weil ich in meinem privaten Umfeld regelmäßig ein entfremdetes Kind erlebe, das ebenfalls eine Abhängigkeit vom Lob entwickelt hat. Ich beobachte, wie der entfremdende Elternteil diese Sucht geschickt fördert und aufrechterhält. Ich beobachte das Kind und sehe, was die Sucht mit ihm macht. Vor allem mit seiner Selbstwahrnehmung, seinem Selbstwertgefühl, seinem Selbstbewusstsein, seiner Selbstwirksamkeit, seiner Sozialkompetenz.

Und: ich handle.

Was ist Lob?

Fangen wir damit an, was Lob ist und wozu es gut ist. Lob ist der Ausdruck von Anerkennung für eine Leistung, einen Prozess, eine Idee. Lob hat zum Ziel, unsere Selbstwahrnehmung zu bestätigen und, idealerweise, zu erweitern.

Lob muss deshalb authentisch und angemessen sein. Heißt: nicht zu oft und nicht zu übertrieben, sagt dazu Dr. Rücker in seinem Video. Dem pflichte ich bei.

Was bewirkt zu häufiges und zu allgemeines Loben?

Durch zu häufiges und zu allgemeines Loben kann das Kind zum einen eine verfälschte Selbstwahrnehmung entwickeln. Fast schon eine Art narzisstischen Persönlichkeitszug. Das hat mit Selbstbewusstsein – im Sinne vom Bewusstsein für das eigene Selbst – nichts zu tun.

Und spätestens dann, wenn es mit anderen Kindern oder Menschen in Kontakt tritt, die auch gewisse Dinge können, vielleicht sogar besser können, wird es verunsichert, weil es plötzlich feststellt: Ups, ich bin gar nicht der beste Gitarrist oder die beste Zeichnerin auf diesem Planeten. Da ist jemand, dessen Spiel oder Zeichnungen mir selbst besser gefallen. Was mache ich bloß jetzt?

Das heißt, die Selbstwahrnehmung und das Selbst-Bewusst-Sein verkümmern zum einen bei zu viel und zu allgemeinem Lob.

Zum anderen lernt das Kind nicht, Grauzonen zu erarbeiten – auch im Hinblick auf die eigene Leistung und die damit zusammenhängende, bereits genannte Selbstwahrnehmung. Denn bisher war alles doch ununterbrochen „ganz toll“, selbst Kleinigkeiten. Das Kind wurde häufig und allgemein gelobt. Etwas anderes kennt es nicht. Wenn es dann plötzlich merkt, dass andere Kinder Dinge möglicherweise besser können, kann es dieses Gefühl gar nicht richtig zuordnen und relativieren und interpretiert es als Minderwertigkeit der eigenen Leistung respektive Person. Es entsteht daraus ein Gefühl von Frust, und der dazugehörige Gedankengang ist in etwa so: „Wenn das andere Kind so schöne Bilder zeichnet, die allen gefallen, dann können meine Bilder folgerichtig nur schlecht sein“.

Das Kind hat nicht gelernt, zu differenzieren. Dinge sind entweder ganz toll oder eben schlecht. Aus dem Frust kann Wut entstehen. Wenn ich es nicht kann, dann will ich meine Zeichnung nicht mehr haben. Die Zeichnung wird zerknüllt oder zerrissen. Und dann kann noch Gewaltbereitschaft entstehen: das Bild des anderen Kindes wird auch zerrissen oder zerknüllt, das Kind geschubst oder geschlagen.

Durch zu häufiges und zu allgemeines Loben verliert das Kind also die intrinsische Motivation an seinen Ideen und deren Umsetzung, stattdessen entwickelt das Kind eine Motivation und Begehren ausschließlich nach dem Lob. Mit unangenehmen Nebenwirkungen.

Und so kommen wir zu dem Thema dieses Beitrags:

Wie wird Lob für die Eltern-Kind-Entfremdung missbraucht?

Durch einseitiges und häufiges Loben wird das Kind empfänglicher und anfälliger für die Manipulation. Lob und Lobentzug können dann als Werkzeuge verwendet werden, um das Kind nach eigenem Gutdünken zu steuern. Das Fehlen von Grauzonen ist dabei eine recht typische Eigenschaft vieler entfremdender Elternteile – die Unterteilung in Schwarz, Weiß und nichts dazwischen. Dem Kind wird vermittelt, dass Dinge nur ganz toll oder ganz schlecht sind. Das ist der erste Streich. Der zweite Streich kommt, wenn das Kind zum ersten Mal den vorstehend beschriebenen Frust erlebt. Nach der Wut kommt in der Regel ein Rückzug, eine freiwillige Isolation. Und dies ist für den entfremdenden Elternteil ein willkommener Anlass, noch mehr Raum für sich einzunehmen. Denn der Regel sucht das Kind nämlich Trost gerade beim entfremdenden Elternteil. Ja, Bingo. Und wie reagiert der entfremdende Elternteil? Meist wird das zerrissene Bild des Kindes glatt gestrichen und der Elternteil beteuert, dass er das Bild „ganz toll“ findet. Also wieder die gleiche Leier, die das Muster aufrechterhält.

Dem Kind wird hier keinerlei Hilfe zum Aufbauen einer eigenen Kompetenz geleistet. Im Gegenteil, das Kind wird dadurch daran gehindert, eine wichtige Selbsterfahrung zu erleben, eigene Gefühle zu benennen, sie zu regulieren. Und genau das ist der Punkt: eine solche Erfahrung würde bedeuten: ich als Kind bin nach und nach immer mehr in der Lage, mich selbst zu betrachten, mich wahrzunehmen, andere wahrzunehmen, an meiner Wahr-Nehmung zu feilen, diese zu gestalten. Doch das wollen entfremdende Elternteile nicht. Ein solcher Prozess würde bedeuten, dass das Kind eines Tages in der Lage sein würde, sich selbst differenzierter wahrzunehmen und seine Gefühle selbst zu regulieren, was wiederum eine teilweise Ablösung vom Elternteil bedeuten würde. Ich schaffe es allein. Ich brauche dich dazu nicht mehr. Und genau das fürchten viele entfremdende Elternteile.

Deshalb wird auch das Lob dazu missbraucht, das Kind in Abhängigkeit zu halten – in diesem Fall in einer emotionalen Abhängigkeit vom Lob.

Ein solches Verhalten der entfremdenden Elternteile ist übrigens in vielen Fällen auch eine Musterwiederholung aus der eigenen Kindheit und Jugend dieser Menschen. Vieler dieser Erwachsenen wurden als Kinder von ihren eigenen Eltern auf diese oder andere Weisen emotional missbraucht.

Was diese Art von Abhängigkeit mit einem Kind macht, erlebe ich nicht nur aus Berichten, sondern, wie bereits angedeutet, regelmäßig im direkten privaten Umfeld. Das Kind, von dem ich am Anfang gesprochen habe, ist bis vor kurzem nicht einmal ansatzweise in der Lage gewesen, mit seinem Frust umzugehen, mit dem Frust, der mit einer Abhängigkeit vom Lob einher geht. Wenn es dazu kam, dass ein anderes Kind etwas seiner Meinung nach besser machte, oder wenn ein anderes Kind im Mittelpunkt stand und die Aufmerksamkeit hatte, war dieses Kind bis vor kurzem, mit seinen 8 Jahren, noch in der Lage, sich in die Embryohaltung zu begeben und mantramäßig nach seinem entfremdenden Elternteil zu schreien. Ich meine damit nicht das normale Rufen, sondern ein monotones, tiefes, nasales „Maaaaaamiiiii…/Paaaapiiii…“ (das Geschlecht des entfremdenden Elternteils soll an dieser Stelle nicht preisgegeben werden) was eher in der Kleinkindphase anzusiedeln – und selbst da auch schon auf die hier beschriebene Art eher besorgniserregend. An sich ein verzweifelter Schrei nach Hilfe beim Umgang mit den eigenen Emotionen, die für das Kind in diesem Moment mit den vorhandenen Kompetenzen nicht zu bewältigen sind. Doch dieser Elternteil liefert keine Unterstützung, sondern ist in diesem Moment zwar da, verstärkt jedoch nur die Abhängigkeit, indem er seine „gaaaaanz toll“- Leier anschmeißt, geschickt verstärkt mit einer rührseligen Mitleidstour. Dies bewirkt, dass das Kind trotz allen „Trosts“ mit den Gefühlen immer noch überfordert ist und sich isoliert – sich zum Beispiel hinter der Couch versteckt und auf jeden Versuch der Kontaktaufnahme mit verzweifelter Aggression reagiert. Weil die Emotionen immer noch nicht geordnet sind, das Vertrauen in sich selbst immer noch erschüttert und die vermeintliche „Sicherheit“, die vom entfremdenden Elternteil herkommt, ein ungutes Gefühl gibt.

All das, weil das Kind von den zwei Worten, den Worten „ganz toll“, abhängig gemacht wurde.

Ich arbeite seit einiger Zeit bei jeder sich ergebenden Gelegenheit sehr intensiv mit diesem Kind und es hat mittlerweile gute Kompetenzen entwickelt. Allerdings nützt das Kind sie nur, wenn es sich von dem entfremdenden Elternteil unbeobachtet fühlt. Sobald dieser im Blickfeld erscheint, ist bei dem Kind eine sofortige Regression zu beobachten, eine Rückkehr zu dem Verhaltensmuster, welches sein Elternteil von ihm erwartet, um sich unentbehrlich zu fühlen.

Ich beobachte das Verhalten dieses Kindes weiter und bleibe mit meiner Arbeit dran.
Mit dem Elternteil zu arbeiten, probiere ich es übrigens immer wieder aufs Neue. Wie ein Aal windet er sich heraus. Jedes Mal. Um es mit seinen eigenen Worten auszudrücken: „Gaaaanz toll“.
*Sarkasmus aus*.

(Auf)richtig loben

Wie lobe ich also richtig? Insbesondere dann, wenn ich weiß, dass mein Kind beim anderen Elternteil solchen manipulierenden Mustern ausgesetzt ist? Dr. Rücker sagt, allgemein auf alle Kinder bezogen: authentisch und nicht zu oft.
Das ist schon mal ein guter Ansatz, auch für entfremdete Kinder. „Authentisch“ (kommt aus dem Griechischen) bedeutet: glaubhaft. Also eher auf die Details eingehen, sagt Dr. Rücker. Zum Beispiel, dass das Kind schöne Farben verwendet hat oder sorgfältig ausmalte. Auch das ist ein sehr guter Ansatz.

Deshalb spinne ich diesen Gedanken weiter: Das Kind will tatsächlich nicht unbedingt noch einmal wissen, dass das Bild „ganz toll“ ist. Dieses Gefühl hat es schon ohnehin. Es ist stolz auf seine Arbeit – deshalb zeigt es sie uns. Es will eher wissen, warum es dieses Gefühl hat, es sucht nach einer Erklärung für diese „tolle“ Empfindung. Es sucht daran bei einer Person, bei einem Erwachsenen, der auf mehr Lebenserfahrung zurückblickt und das Gefühl differenziert betrachten und beschreiben kann – idealerweise. Das Gefühl des Kindes kann also vom Erwachsenen mit kleinen Bausteinen untermauert werden, wie eben mit der Wertschätzung für die Farbwahl. Und das wiederum hilft dem Kind, sich selbst auf unteschiedliche Arten zu betrachten und auch die Leistung anderer entsprechend ein- und wertzuschätzen.
Wenn es dann sieht, dass ein anderes Kind ein „ganz tolles“ Bild gemalt hat, ist es in der Lage in Grauzonen zu denken. Also nicht nur in der Kategorie Schwarz-Weiß (Das Bild des anderen Kindes ist „ganz toll“, deshalb kann im Umkehrschluss meines nicht mehr „ganz toll“ sein. Denn es kann nur ein „Ganz-Toll“ geben, deshalb ist mein Bild folgerichtig schlecht). Nein, das Kind ist vielmehr in der Lage, die Leistung des anderen Kindes vielseitig zu betrachten – weil es genau das von dem Erwachsenen gelernt hat, welcher wiederum sein Bild auf diese Art sah und diese Beobachtung mit ihm teilte.
Wie gesagt: idealerweise.

Lob geht auch ohne „ganz toll“

Ich spinne den Gedanken noch ein Stück weiter.
Lob kann auch ganz ohne Bewertungen erfolgen, kann also praktisch ganz ohne abgedroschene Adjektive auskommen. Allein durch aufrichtiges Interesse und Beschäftigung mit der Leistung des Kindes äußern wir auf nonverbaler Ebene ein ganz persönliches, authentisches Lob. Wir bringen es zum Ausdruck durch unser Interesse.

Ich habe selbst als Kind beide Arten von Lob erlebt.
Ein Familienmitglied gehörte zu der „gaaaaanz toll“-Fraktion. Klar, diese Begeisterung verschaffte meinem damals ca. 3 bis ca. 9 jährigen Ich jeweils einen kurzen narzisstischen Höhenflug. Irgendwann, so mit Anfang 9, wurde ich jedoch misstrauisch. Sowohl meinen eigenen Fähigkeiten gegenüber (schließlich hatte ich auch als Kind Augen in Kopf und hab selbst gesehen, dass es durchaus Kinder gab, die Dinge besser als ich konnten), als auch dieser Person gegenüber. Irgendwann vertraute ich diesem Menschen nicht mehr. Frust hin oder her: die „ganz-toll“ – Beteuerungen überzeugten mich einfach nicht mehr. Da verzichtete ich lieber darauf. Ich fand diese Person – und das als Kind! – nicht mehr authentisch, nicht mehr glaubhaft und vor allem nicht ehrlich mir gegenüber. Ich fand es komisch, dass sie nur eine Meinung hatte, immer eine „ganz tolle“ Meinung.
Und irgendwann habe ich für mich festgestellt, dass diese Person mir gegenüber nicht ehrlich war, mich schlicht und einfach anlog. Ich habe aufgehört, ihr zu vertrauen. Und ich war enttäuscht von ihr. Und richtig sauer.

Als Erwachsene habe ich dieses Familienmitglied damit konfrontiert. Ich bekam eine „Erklärung“ zu hören, die ich mittlerweile als typisch für entfremdende Menschen betrachte: diese Person habe mich nicht angelogen, sagte sie, natürlich nicht. Sie habe es zu meinem Besten getan, um mich nicht zu enttäuschen. Weil ich so sensibel gewesen sei als Kind. Dass sie mir damit nur geschadet hat, realisierte sie nicht.

Sie hat mir dafür die Schuld dafür in die Schuhe geschoben, dass sie nicht in der Lage war, ehrlich zu sein und mir konstruktive Kritik zu vermitteln, mir eine Kompetenz zu vermitteln, diese anzunehmen und umzusetzen. Auch typisch für entfremdende Elterteile. Aber auch das ist ein anderes Fass.

Was ich damit sagen möchte, ist: Falsches Lob kann also nicht nur für das Kind, sondern auch für die lobende Person gewaltig nach hinten losgehen – und zwar wirklich gewaltig, wenn sich die ursprüngliche Abhängigkeit des Kindes in Misstrauen und anschließend in Ablehnung verwandelt. Und das passiert automatisch. Spätestens in der Pubertät. Viele entfremdende Elternteile erhalten dann ihre Rechnung.

Umso wichtiger ist es, richtig zu loben. Auch deshalb, um mit sich selbst im Reinen zu sein.

Richtiges Lob als Brücke zur eigenen Selbstwahrnehmung

Ich hatte Glück, denn ich hatte noch ein anderes Familienmitglied. Eine Tante von mir war dazu in der Lage, mich auf eine aufrichtige Art zu loben und meine Kompetenzen im Bereich des Selbst-Bewusst-Seins und der Selbst-Wahrnehmung zu stärken. Mehr noch, sie war tatsächlich in der Lage, Lob ohne ohne die Kategorien „gut-schlecht“ auszudrücken. Sie war in der Lage zu loben, ohne die Wörter „gefällt“ oder „schön“ zu verwenden.

Sie ist selbst Künstlerin. Keine Malerin, sondern Bühnenkünstlerin. Und sie war es, die mir ihre spezielle Art beibrachte, Dinge, Leistungen, Ideen, Prozesse zu loben. Und wenn ich mit einem Bild zu ihr kam, warf sie nicht nur einen Blick darauf, nein, sie nahm es als erstes mit beiden Händen entgegen. Eine kleine Geste, deren Bedeutung mir damals noch nicht bewusst war. Als Erwachsene habe ich erfahren, dass es im asiatischen Raum durchaus als Ausdruck des Respekts gilt, eine Visitenkarte mit beiden Händen entgegenzunehmen. Als Kind habe ich es intuitiv als Wertschätzung empfunden. Danach setzte sich meine Tante mit diesem Bild hin und legte es vor sich auf den Tisch. Oder hockte sich zu mir, so, dass wir beide darauf schauen konnten.

Nehmen wir den Klassiker, das Bild stellte eine Prinzessin dar. Hätte sie nur gesagt, die Prinzessin ist ganz toll, wüsste ich, dass ich ein ganz tolles Bild von einer ganz tollen Prinzessin gemalt habe. Hätte sie nur gesagt, dass ihr die Farben gefallen, wüsste ich, ich habe mit ganz tollen Farben gemalt. Mehr nicht.

Sie sagte all das nicht. Sie sprach in kleinen nachvollziehbaren Gedankenketten, sie schilderte ihre Wahrnehmung, ihre Fremd-Wahrnehmung meiner Leistung quasi, die den Grundstein für meine Selbst-Wahrnehmung legte und mir zusätzlich einen differenzierten Blick auf andere erlaubte. Bis heute.

Sie schaute sich also das Bild einer Prinzessin an und sagte zum Beispiel: “Das ist spannend!”. Oder „Oh, wie interessant“. Ok, an sich noch auch ein Pauschallob. Doch dann, nach einer kurzen Pause, während sie mein Bild studierte, ging es noch weiter. Und was dann folgte, war für mich stets magisch. Ist es bis heute noch, wenn ich daran zurück denke.
Sie sprach nur immer von ihren eigenen Eindrücken, schaffte Verknüpfungen und stellte Fragen. Und all das beflügelte mich, öffnete meinen Blick für mein Potenzial, für neue Ideen, schärfte meine Selbstwahrnehmung und zeigte mir Möglichkeiten, die bis dahin unentdeckt schlummerten.
Sie betrachtete mein Bild aufmerksam und sprach zu mir, hin und wieder schaute sich mich dabei an oder zeigte mir das eine oder andere Detail auf meinem Bild.
“Dieses Kleid. So eine Falte am Rocksaum habe ich noch nie gesehen. Woher hattest du die Idee dazu? Und wie der Stoff fällt, es könnte Seide sein, die macht solche glänzende Falten, das kenne ich von vielen Kostümen. Ein kostbarer Stoff, für eine Prinzessin genau richtig. Oder vielleicht doch Samt? Könnte beides sein. Und diese Steinchen hier, mir fällt auf, wie sorgfältig du daran gearbeitet hast. Jeder Stein hat eine andere Farbe – das hier ist doch ein Rubin, oder? Ich erkenne sie an dieser tiefroten Farbe, die du dafür verwendet hast. Und sie hat so prachtvolle Haare, deine Prinzessin, wie du diese Locke hier gezeichnet hast, das wirkt so echt, dieser Schwung, als würde gerade ein starker Wind wehen – wo hast du das beobachtet? Was denkst du, kann sie in diesem Kleid auch reiten? ”

Und so weiter und so weiter. Eine aufrichtige Wertschätzung, durch detailliertes Interesse ausgedrückt. Der Wert meiner Arbeit wurde von einer Person geschätzt, indem sie mir ihre Eindrücke davon schilderte. Damit wurde meiner Arbeit ein Wert verliehen, der für mich nachvollziebar und authentisch war. Und der beflügelte.

Für mich war es jedes Mal zusätzlich eine unbewusste Goldgrube an Informationen, die ich förmlich in mich aufsaugte, sie verinnerlichte und später verwendet habe. Es waren Sachinformationen, eine Bereicherung meines Wortschatzes und meiner Wahrnehmung. Dinge, die ich intuitiv gut gezeichnet habe (z.B. die Bewegung der Haare im Wind oder den Glanz in den Stoffalten) konnte ich damit durch die Augen meiner Tante bewusst betrachten, auf meine kindliche Art analysieren und altersgemäß weiterentwickeln.
Meine Tante kommunizierte mit mir kindergerecht, aber ohne die Kommunikation auf das „kindliche“ zu reduzieren oder gar kindisch werden zu lassen. Ich habe – vielleicht gerade deshalb – aus all dem, was meine Tante mir durch ihre Wertschätzung vermittelt hat, mein eigenes, kindliches Ding gemacht.
Ich habe mich ernst genommen und vollkommen authentisch gewertschätzt gefühlt. Als Erwachsee profitiere ich weiterhin davon.

Entfremdete Kinder richtig loben

Insbesondere bei entfremdeten Kindern ist es essentiell, richtig zu loben. Zum einen, um der Entfremdung und der damit zusammenhängenden Abhängigkeit entgegenwirken. Denn, wie gesagt, bei vielen dieser Kinder wird Lob von den entfremdenden Elternteilen als Manipulationstechnik verwendet, als eine Technik, die Kinder klein zu halten und abhängig vom Lob – und somit von der lobenden Person – zu machen.

Sie können einen Gegenpol dazu bilden, indem Sie richtig, authentisch, aufrichtig loben. Indem Sie wahres Interesse zeigen, und wertschätzen. Indem Sie sich mit den Inhalten auseinandersetzen, dabei vielleicht nebenbei selbst neue Eindrücke gewinnen und sich selbst weiter entwickeln. Ihr Kind wiederum schult dadurch seine eigene Selbst-Warhnehmung, einen souveränen Umgang mit der Fremd-Wahrnehmung und eine differenzierte Wahrnehmung für andere.
Der Frust, der Ihrem Kind mit dem Schwarz-Weiß-Denken der entfremdenden Elternteile eingetrichtert wurde und die damit zusammenhängenden destruktiven Verhaltensweisen und Gefühle (freiwillige Isolation, Wut, Zerstörung…) können deutlich gemildert oder gar beseitigt werden. Denn eine authentisch vielfältige Betrachtung und Wahrnehmung von sich selbst und von anderen lässt Frust idealerweise erst gar nicht entstehen, sondern bildet die Grundsubstanz für die eigenständige Weiterentwicklung und Gestaltung der eigenen Selbstwirksamkeit und des Selbst-Bewusst-Seins.

Und das sowohl beim Zeichnen als auch früher oder später in allen anderen Lebensbereichen.

Aufrichtges Lob als Hilfe gegen Eltern-Kind-Entfremdung
Eltern-Kind-Entfremdung: entfremdete Kinder richtig loben.

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