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Allgemein

Eltern-Kind-Entfremdung mal anders – wenn Pflegeeltern entfremden.

8. Februar 2021

Von der Entfremdung durch die Pflegefamilie, von der Rolle der Jugendämter, vom glücklichen Zufall und davon, was er verändern kann.

Vor einigen Wochen wurde von mir der Artikel mit dem Titel: „Ich entfremde, also bin ich“ veröffentlicht. Darin nannte ich die Vermutung, dass die Eltern-Kind-Entfremdung (Parental Alienation) nicht zwingend das Ergebnis einer hochstrittigen Trennung sein muss, sondern ihren Ursprung auch in der eigenen Psyche und Lebensgeschichte der jeweiligen Person haben kann. Der Streit dient dabei lediglich als Auslöser.

In Anlehnung daran berichte ich heute über eine Mutter, deren Tochter von der Pflegefamilie (genau genommen: von der Pflegemutter) von ihr entfremdet wurde. Die entfremdende Person ist weder mit dem Kind verwandt, noch war sie die Partnerin der Mutter, die beiden Frauen kannten einander bis dato nicht. Keine schmerzhafte Trennung, kein Groll, kein Hass = keine Entfremdung – müsste an dieser Stelle die einfache und logische Form lauten. Und dennoch hat etwas die Pflegemutter dazu verleitet, das Kind soweit zu indoktrinieren und zu manipulieren – und es sogar zu bedrohen, dass es schließlich den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter vollständig verweigerte.

Gleichzeitig wird aus dem nachfolgenden Artikel ersichtlich, dass auch diese Entfremdung – wie so viele andere – hätte verhindert werden können, wenn das zuständige Jugendamt rechtzeitig und angemessen reagiert hätte.

Entfremdung als Symptom.

Ich gehe nach wie vor davon aus, dass der Entfremdung in manchen, vielen oder sogar den meisten Fällen eine persönliche, emotionale, psychische Ursache zugrunde liegen kann. Der Konflikt, die Trennung sind dabei lediglich die Trigger, die Auslöser, jedoch keine Ursache. Was wiederum bedeuten könnte, dass sich entfremdende Eltern in erster Linie mit ihren eigenen unverarbeiteten Baustellen beschäftigen müssten, um überhaupt fähig zu sein, bei Mediationen und Co. mitzuarbeiten. Die Arbeit an sich selbst bildet erst die Grundlage für die Arbeit mit anderen Menschen.

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay


Die Reaktionen auf den Artikel „Ich entfremde, also bin ich“ waren, wie sooft, sehr unterschiedlich. Von Zustimmung, über Schilderung der diversen Erfahrungen mit dem oder der Ex-Partner*in, bis hin zu klassischen Anfeindungen, darunter sinngemäß: Was ich denn glauben würde, mit meinem Bücherwissen bewirken zu wollen und was mich überhaupt dazu berechtigen würde, mich des Themas anzunehmen. Da die Person, die diese Frage gestellt hat, mich anschließend blockiert hat, habe ich eine vage Vermutung, dass sie nicht zwingend an einer Antwort interessiert war.

Dennoch fand ich die Frage für mich spannend.

Was glaube ich denn eigentlich, und was berechtigt mich, das zu glauben?
Ich glaube, dass ich mit meinen Artikeln zum einen einen bestimmten Raum für Themen und Gespräche  erschaffe, zum anderen die bereits bestehenden Räume ergänze. Das Bücherwissen in Verbindung mit der beruflichen Praxis und der eigenen Lebensgeschichte erlauben mir, interessante Beobachtungen zu bestimmten Themenbereichen zu machen, sie auf Papier (ähm… in Bits?) zu bringen und zum Gegenstand von Austausch und spannenden Gesprächen zu machen.

Auch Pflegeeltern können entfremden.

Zu diesen spannenden Gesprächen gehörte neuerdings auch das Gespräch mit Mia (Name geändert). Mia schilderte mir ihre Entfremdungsgeschichte. Genau genommen, die Entfremdungsgeschichte von ihr und ihrer Tochter Lotte (Name geändert), die in einer Pflegefamilie untergebracht wurde. Die Pfelegefamilie schaffte es, die Tochter von der Mutter derart stark zu entfremden, dass das Kind bis vor Kurzem den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter verweigerte. Eine aus meiner Sicht entscheidende Rolle spielte hier auch das Jugendamt, das nicht rechtzeitig und nicht angemessen reagiert hat.
In Mias Geschichte gibt es eine gute Wendung, die zeigt, wie viel von der Kompetenz der beteiligten Fachkräfte abhängen kann.

Mia und ich traten in Kontakt über die Social Media. Mia erzählte mir ihre Geschichte:


„Nach Lottes Geburt
ging meine damalige Beziehung langsam den Bach runter. Als unser
Kind 8 Monate alt war, ist mein Ex ausgezogen und hat mich krank und
erschöpft mit 3 Kindern sitzengelassen.
Meine chronischen Erkrankungen
setzten mich im Laufe der Zeit so ausser Gefecht, dass ich nach drei Jahren fast nur noch
im Bett liegen konnte. Ich hatte keine Kraft, mich um meine jüngeren
Kinder zu kümmern. Als wirklich nichts mehr ging, habe
ich mich hilfesuchend an das Jugendamt gewandt. Die jüngeren Kinder
kamen in Kurzzeitpflege. Ich ging für einige Monate ins Krankenhaus.

Danach kamen die Kinder zurück. Ich merkte nach einem Vierteljahr, dass
es mir wieder schlechter ging und wollte eine Familienhilfe vom
Jugendamt, die aber erst nach einem halben Jahr kam, als ich wieder völlig
erschöpft war.

Die Überlastung der Jugendämter begünstigt die Misstände.

Die Überlastung der Jugendämter stellt vielerorts und seit Jahren ein Problem dar. Zu wenige Mitarbeitende, zu wenig Zeit, um Präventionsarbeit zu leisten oder – wie im Fall von Mia – rechtzeitig zu reagieren. In einem Bericht der Gewerkschaft Erziehung und Wissenchaft sagt Frau Heike Schlizio-Jahnke, Leiterin des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes in Berlin-Wedding, man habe nicht einmal die Zeit, jeder Meldung nachzugehen (Quelle: GEW). In Berlin haben die Mitarbeitenden deshalb bereits 2012 eine symbolische weiße Flagge gehisst, um zu signalisieren, dass sie aufgrund der Überlastung nur noch kapitulieren können. Man mache nur noch Feuerwehr, sagte damals Frau Schlizio-Jahnke (Quelle: GEW) – was bedeutet, dass der Einsatz nur noch erfolgen kann, wenn’s richtig brennt.
Fast ein Jahrzehnt später – und insbesondere zu Zeiten von Corona – sind die Jugendämter immer noch überlastet. 5000 Stellen mehr fordert der
Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter (BAG), Lorenz Bahr im Oktober 2020 (Quelle: zdf), um den Herausforderungen gerecht zu werden.

„Schweren Herzens, da keine Hilfe von niemandem kam, gab ich
meine kleine Tochter freiwillig ein zweites Mal ab. Sie kam wieder zu
derselben Pflegefamilie in der sie vorher war. Ich hätte sie auch
woanders hingeben können, doch ich wollte es ihr nicht noch schwerer
machen. Ein fataler Fehler, wie ich heute weiß.

Die Pflegeeltern, mit
denen ich bis dato ein gutes, fast freundschaftliches Verhältnis aufgebaut hatte, änderten ihr Verhalten, sobald der Vertrag für die
Vollzeitpflegestelle unterschrieben war.
Nach und nach wurde Lotte distanzierter, irgendwann wollte sie die Umgänge nicht mehr. Versprechen für Umgänge wurden gemacht und nicht
eingehalten. Das Jugendamt ignorierte dies stets. Eine Zeit lang bestand
noch eine Rückkehroption, theoretisch zumindest. Doch meine Tochter
änderte ihr Verhalten immer mehr. Sie verhielt sich vor allem mir gegenüber mehr
und mehr distanziert.

Es
fing damit an, dass meine Tochter immer weniger mit mir telefonieren
wollte und irgendwann gar nicht mehr ans Telefon kam, wenn ich sie bei
der Pflegefamilie angerufen habe. Es gab auch einen Vorfall, als ich mal
anrief und die Pflegemutter nicht zu Hause war. Meine Tochter und auch
ihre Pflegebrüder haben lange mit mir gesprochen und meine Tochter sagte
mir, dass sie mich bis zum Universum lieben würde und bald zu Besuch
kommen wolle, um Pfannkuchen mit uns zu essen. Die Pflegemutter ist während des Gesprächs nach
Hause gekommen und es gab Ärger, Lotte musste
auch sofort auflegen und zu diesem Zeitpunkt bekam ich zumindest eine
leichte Ahnung, dass sich die Dinge in eine andere Richtung entwickelten.
Wenn sie mit
mir allein war, sagte mir meine Kleine oft, dass ich sie besuchen kommen
sollte oder sie uns besuchen wollte. Wenn ein paar Tage später allerdings die
Rückmeldung von der Pflegemutter kam, hieß es, Lotte wolle dies auf einmal nicht
mehr.
Die Pflegemutter kam außerdem stets genervt zu den Umgängen, was meiner Tochter natürlich nicht verborgen blieb.“


Das Kind als Glückspillenersatz.

Es gibt, das wird sicherlich vielen Leserinnen und Lesern hier aus der eigenen schmerzvollen Erfahrung bekannt sein, zahlreiche und diverse Möglichkeiten, ein Kind zu beeinflussen. Eine davon ist, einem Kind verbal oder nonverbal zu vermitteln, dass es für das Glück und Zufriedenheit seines Elternteils verantwortlich ist. Das Kind übernimmt unterbewusst die Rolle des Glücklichmachers – schließlich will es, dass die Eltern (oder Pflegeeltern!), bei denen es lebt und denen es schlimmstenfalls auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, glücklich sind. Glückliche Eltern = glückliches Kinderleben.
Soweit nachvollziehbar und logisch.

Allerdings – und so würde an dieser Stelle ein Erwachsener denken –  ist ein Mensch nicht dafür zuständig, die Rolle der Glückspille für andere zu übernehmen. Kinder allerdings haben in der Regel noch kein ausreichendes Reflexionsvermögen, um dies so zu erkennen und zu kommunizieren. Sie haben noch nicht die Erfahrung und in der Regel auch keinerlei Möglichkeit, sich davon abzugrenzen. Wenn Kinder für die Bedürfnisse der Eltern funktionalisiert werden und versuchen in der Folge dieser Rollenzuschreibung (unbewusst) zu entsprechen, wird dies als destruktive Parentifizierung bezeichnet.

Mias Tochter entwickelte einen Loyalitätskonflikt. Die Verweigerung der Umgänge resultierte aus dem Bedürfnis, die Pflegemutter, bei der sie lebte, zufriedenzustellen, sich bei ihr sicher zu fühlen und diese nicht auch noch verlieren zu müssen.

Wäre
Lotte erwachsen, könnte man an dieser Stelle ihr Verhalten als
hinterlistig bezeichnen. Schließlich erzählt sie der leiblichen Mutter, sie würde sie lieben und sie sehen wollen, doch widerruft sie es genauso schnell, sobald die Pfegemutter nachhakt. Müsste Lotte nicht zu ihrer Liebe zur leiblichen Mutter stehen?
Was im Fall
von Erwachsenen in einem solchen Fall sicherlich zutreffen kann, ist
bei einem Kind schlicht und einfach falsch. Lotte liebt ihre leibliche
Mutter aufrichtig, und sie sagt es ihr ehrlich, aber nur dann, wenn die beiden
allein sind. Da fühlt sich Lotte sicher und kann ihre wahren Gefühle
ihrer Mutter Mia gegenüber zeigen und ausdrücken. In Gegenwart der
Pflegemutter dagegen, oder von der Pflegemutter darauf angesprochen, widerruft
Lotte alles – in der Hoffnung, die Pflegemutter, bei der sie jetzt lebt,
mit ihrer Haltung zufriedenzustellen, damit diese nicht mehr „genervt“, sondern eben lieb zu Lotte ist. Denn Lotte will die Pflegemutter nicht auch noch verlieren, sie will nicht wieder woanders hinziehen müssen. Das macht Lotte Angst.
Das
widersprüchliche, entfremdete Verhalten von Lotte, stellt hier eine
Überlebensstrategie gegen die Verlustängste dar (vgl. von Boch-Galhau, 2002).

Drei, zwei, eins… das Kind ist meins!

„Bei
den Besuchskontakten äußerte sich die Entfremdung ebenfalls
schleichend. Anfangs gab es sowohl Umgänge mit Aufsicht des
Jugendamtes, als auch private Treffen in einem Indoor-Spielplatz. Dies
änderte sich nach einem Streit zwischen der Pflegemutter und mir, die
diese Treffen daraufhin abrupt abbrach. Natürlich hat das was mit Lotte
gemacht. Ich erinnere mich an einen Umgang beim JA, wo die gesamte
Familie anwesend war, also Lottes Geschwister, ihr Papa und ich. Wir haben ganz
toll zusammen gespielt und als die Zeit um war, hat Lotte geweint und
gesagt, dass sie hierbleiben möchte. Daraufhin ging die Pflegemutter zur
Tür mit den Worten:“Dann fahre ich ohne dich!“  – und knallte diese zu.
Vor den Augen des Mitarbeiters vom PKD, den dies offensichtlich nicht
störte.“
 

Hier wird seitens der Pflegemutter gezielt mit Angst gearbeitet. Die Verlustängste des Kindes werden als Erpressungsstrategie benutzt, um das gewünschte Verhalten zu erzwingen. Gut, an dieser Stelle könnte man sagen, welcher Elternteil kennt das nicht. Hin und wieder benutzt man in seiner Verzweifelung auch etwas Druck, vor allem dann, wenn man selbst unter beispielsweise Zeitdruck steht. Zieh dir endlich die Schuhe an, ansonsten, wenn du nicht sofort auf mich hörst, stirbt irgendwo ein Einhorn. Räume dein Zimmer auf, sonst gibt es kein Fernsehen morgen. Im Nachhinein bereut man den Druck, den man auf sein Kind ausgeübt hat und man gelobt sich selbst, es nächstes Mal besser zu machen.

Der Unterschied zwischen dem hier genannten Beispiel und dem Verhalten der Pflegemutter ist allerdings: Wenn irgendwo in einem rosaroten Universum jenseits des Regenbogens ein Phantasiewesen ablebt, das theoretisch ohnehin unsterblich ist oder eine beträchtliche Anzahl an weiteren Leben zur Verfügung hat, ist dies von einer Kinderseele zu ertragen – weil die Sicherheit besteht, dass das Wesen aufgrund seiner magischen Fähigkeiten sich irgendwie aufrafft und aufersteht. Auch ist die Tatsache zu ertragen, dass es eben einen Tag lang kein Fernsehen gibt, denn es besteht die Sicherheit, dass Ladybug oder Paw Patrol eben auch morgen und übermorgen und die nächsten 10 Jahre noch gesendet werden und zur Not auf Netflix jederzeit verfügbar sind.
Im Falle der Drohung „Dann gehe ich eben ohne dich“ gibt es aber keine Sicherheit. Mehr noch: Es ist die Ankündigung des mutwilligen Vollzugs einer großen Unsicherheit, die wir Erwachsene als Existenzangst bezeichnen. Und die Person, die dies ankündigt, verfügt in den Kinderaugen über die Macht, die Drohung wahr zu machen.

Und
so kam es, wie es kommen musste, meine Tochter zog sich von uns
zurück, wollte nicht mehr von uns umarmt werden, kein Küsschen mehr, nicht
auf den Arm genommen werden.
Vor dem Familiengericht habe ich 2017 diese Situationen
beschrieben, die aber dort von niemandem ernstgenommen wurden. Seitdem
gab es eine komplette Kontaktsperre, die Weihnachten 2020 unterbrochen
wurde, da ich meiner Tochter ein Paket schicken durfte, auf das sie bis
heute nicht reagiert hat.

Mir
ist vollkommen klar, was dort passiert ist. Die Pflegemutter hatte mir
bereits mehrfach gesagt, falls es eine erneute Rückführung geben sollte
können und es erneut nicht klappen würde, wäre sie nicht bereit, Lotte nochmals aufzunehmen. Und genau das wird sie auch meiner Tochter gesagt
haben. Ich habe oft gespürt, dass Lotte Angst vor ihr hat/hatte, doch
leider zu spät. Wenn Lotte mit mir/ uns allein war, war sie völlig
anders, als wenn die Pflegemutter mit dabei war. Meiner Meinung
nach hat die Pflegemutter uns die Kleine bewusst entfremdet und alle
haben zugesehen. Heute will Lotte niemanden mehr von uns sehen, weder ihren
Vater, noch ihre Geschwister, noch mich.
Mir wurde andererseits aber auch erzählt, dass Lotte alle Dinge, die sie von uns erhalten hat, in
einer Kiste versteckt hält. Das finde ich sehr interessant
.“


Anderer Inhalt, gleiche Form.

Welche Gründe gab es für die Pflegemutter, Lotte von ihrer leiblichen Mutter zu entfremden? Typische persönliche Gründe für Entfremdung (z.B. Rache am Partner/Partnerin für die gescheiterte Beziehung), gab es hier nicht. Auch wenn ich nur die eine Version der Geschichte kenne – nämlich die von Mia, so sehe ich darin das Entfremdungsmuster, das ich sonst aus Berichten von getrennten Eltern kenne, die zusehen müssen, wie ihr Kind dafür büßen muss, dass sie es wagten, die Beziehung zu deren Mutter/Vater zu beenden.
Ich entfremde, also bin ich. Aus meiner Sicht eine Selbstrettungsmaßnahme, auf die offenbar nicht nur leibliche Eltern zurückgreifen.

Die
Entfremdung, die im Falle von getrennten Paaren häufig als Racheakt am Anderen interpretiert wird, kann demzufolge, wie bereits in dem hier schon erwähnten Artikel erwähnt, in
Wirklichkeit der Ausdruck tiefgehender, unverarbeiteter psychischer und
emotionaler Problematik sein, die, wie hier, offenbar in keinem direkten, persönlichen Bezug zu der Person steht, von der entfremdet wird.

Ein spannender Aspekt, dessen Existenz, wie ich mir vorstellen kann, von vielen Zuständigen erst gar nicht in Betracht gezogen wird. Insbesondere von jenen, die ohnehin der Auffassung sind, dass Eltern-Kind-Entfremdung ein Hirngespinst ist.

Entfremdungsstopp per Glückstreffer.

Die Geschichte von Mia und Lotte wäre vermutlich so ausgegangen, wie die Geschichten unzähliger anderer entfremdeter Mütter und Väter in Deutschland. Lotte würde aufgrund der Manipulation weiterhin den Kontakt verweigern, die Entfremdung würde fortschreiten. Mia würde immer wieder gegen die Windmühlen kämpfen, die Zuständigen um Hlfe anflehen, von ihnen vertröstet oder ignoriert werden, um eines Tages festzustellen, dass sie nun als Mutter vollständig entsorgt wurde.

Doch ein glücklicher Zufall veränderte alles.

Vor einiger Zeit änderte sich aufgrund einer administrativen Veränderung die Jugendamt-Zuständigkeit für Lottes Wohnort. Das neue Jugendamt arbeitet offenbar mit dem Kinderschutzbund zusammen und an den hat sich Mia gewandt, auch wenn sie nach all den negativen Erfahrungen eher vermutete, dass der Kontakt eine weitere Enttäuschung bringen würde.

Doch es geschah anders. Der zuständige Mitarbeiter des Kinderschutzbundes erwies sich als kompetent, engagiert und um das Wohl von Lotte besorgt. Er schenkte Mia seine Aufmerksamkeit und seinen Glauben, nahm Kontakt zu der Pflegemutter auf und machte sich mit der Situation von Lotte vertraut.

Vor einigen Tagen schrieb mich Mia erneut an, um mir über eine erfreuliche Entwicklung zu berichten:

Es gibt übrigens noch ein Update. Meine Tochter hat mir geschrieben!
Das erste Mal überhaupt. Ich bin sehr glücklich darüber, auch wenn man
merkt, dass sie es nicht ganz freiwillig geschrieben hat. Für mich ist das ein ein Schritt in
Richtung Wiederannäherung, natürlich nicht von heute auf morgen, doch
immerhin.

Ich
glaube, der Mitarbeiter des Kinderschutzbundes ist die treibende Kraft
dahinter. Er wird einen gewissen Druck auf die Pflegemutter ausgeübt
haben und diese wird Lotte eine entsprechende „Erlaubnis“ gegeben haben, mir zu schreiben.
Auch wenn ich das Gefühl habe, dass Lotte den Brief nicht ganz selbständig verfasst hat, so sage
ich mir, dass meine Tochter letzten Endes nicht gezwungen werden
konnte, mir zu schreiben. Ich nehme das Positive aus dem Ganzen mit.

Na also. Geht doch.
Es geht doch, die Entfremdung zu beenden – oder zumindest die Weichen neu zu stellen. Was am alten Jugendamt ein Ding der Unmöglichkeit zu sein schien, erwies sich beim neuen Jugendamt unter Mitwirkung des Kinderschutzbundes plötzlich als möglich.
Ich freue mich vom Herzen für Mia und Lotte, finde es allerdings gleichzeitig erschreckend, dass unzählige andere Eltern den Kontakt zu ihren Kindern verlieren – nur weil die zuständigen Jugendämter überlastet, uninteressiert oder schlicht und einfach inkompetent sind.

Ich werde in Kontakt mit Mia bleiben. Ich hoffe und wünsche es ihr vom Herzen, dass sie wieder einen guten Kontakt zu Lotte aufbaut und dass die Pflegemutter entsprechende Hilfe vom Kinderschutzbund oder anderen mitwirkenden Organisationen bekommt, um zu lernen, ihre Entfremdungswut zu kontrollieren und vielleicht auch um ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Ich hoffe, auch Mia erhält jetzt auch rechtzeitig die Hilfe, die sie braucht, um gestärkt zu werden, Lotte wieder zu sich zu holen und um ihre Rolle als Mutter künftig so zu erfüllen, wie sich das Mia schon immer gewünscht hat.

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5 Kommentare zu “Eltern-Kind-Entfremdung mal anders – wenn Pflegeeltern entfremden.

  1. Asti_

    Hallo! Diese Problematik wird mit Sicherheit auch kein Einzelfall sein denn wenn das Jugendamt jährlich tausende Kinder in Pflegefamilien gibt, wird es sicher mehr als eine Handvoll Pflegefamilien, die doch nicht so gut mit der Situation umgehen wie sie es sollten! Und leider ist es bei mir so geschehen, dass kurzerhand eine Frau die nicht geprüft oder mit der zuvor nicht zusammen gearbeitet wurde, kurzerhand als Pflegestelle für meine Tochter ernannt wurde. Anscheinend gab es keine freie Stelle und meine Tochter war zu klein fürs Heim, so wurde mein kind in die Obhut einer psychisch auffälligen Frau gegeben, die es geschafft hat über 6 Jahre mich komplett von meinem Kind zu entfremden, inklusive ihr einzureden, dass sie ihre richtige Mutter ist.

    • Anna Pelz - systemische Therapeutin und PAS-Coach

      Hallo Asti,
      ich gehe mittlerweile auch davon aus, dass wir es hier mit einem relativ weit verbreiteten, jedoch erst recht unter den Teppich gekehrten Phänomen zu tun haben. Es sind definitiv keine Einzelfälle! Ich habe bereits mehrere Rückmeldungen auf meinen Artikel erhalten und hoffe noch auf weitere – vorzugsweise hier in den Kommentaren, um das Ausmaß der Problematik sichtbar zu machen.
      Das, was Sie beschreiben, scheint eine extreme Ausprägung zu sein und gleichzeitig eines der typischen 17 Anzeichen der induzierten Eltern-Knd-Entfremdung nach Dr. Amy Baker (aufgelistet unter der Nr. 14 in ihrem Buch: "Working with Alienated Children and Families: A Clinical Guidebook, New York: Routledge, 2013)
      Es kann gleichzeitig ein weiterer Hinweis darauf sein, dass der induzierten Eltern-Kind-Entfremdung nicht zwingend die Hochstrittigkeit, sondern die persönliche nicht aufgearbeitete Geschichte zugrunde liegt. Die Hochstrittigkeit ist lediglich ein Symptom, der Auslöser für die die Eltern-Kind-Entfremdung – nicht jedoch der Grund.
      Ich wurde bereits einige Male gefragt, warum ich so darauf poche und es für so wichtig halte. Ob es denn nicht egal sei, was die Ursache ist, schließlich seien so oder so die Kinder die Leidenden.
      Ja, das sind sie zweifelsohne, und gerade deshalb halte ich es für wichtig, der Wurzel des Übels auf den Grund zu gehen, weil es möglicherweise die Grundlage eines neuen Lösungsansatzes (für nachhaltige Lösungen)bilden könnte.
      Die bisher als Allheilmittel verordneten Mediationen fallen nämlich in jenen Fällen fruchtlos aus, in denen die eigene Geschichte der wahre Grund der Entfremdung ist. Die Mediation behandelt oberflächlich die Symptome, nicht die Ursachen.
      In etwa dieselbe Wirkung, als wenn man sich bei Zahnschmerzen ein Schmerzmittel reinwerfen würde. Wirkt für eine Weile, klar. Sehr gut sogar – lindert den Schmerz und lässt ihn für einige Zeit vergessen. Ändert allerdings nichts daran, dass der Zahnschmerz durch mangelnde Mundhygiene oder andere Ursachen entstanden ist, die behandelt werden müssen, um den Schmerz zu lindern, sondern die Ursachen zu heilen.
      Anschließend ist die Sache dennoch nicht "gegessen" (passt so schön bei diesem Vergleich): eine gute Prophylaxe soll verhindern, dass die Muster, die zur Entstehung der Zahnerkraknung geführt haben, fortgesetzt werden.
      Erst das ist nachhaltig.
      Kostet zwar Geld und Geduld, doch langfristig lohnt es sich mehr, als immer neue "Schmerzmittel" für alle Beteiligten. Laut "Zustandsbericht zur Lage im Familienrecht" von Papa Mama Auch e.V. sind es Beträge in Milliardenhöhe, die Eltern-Kind-Entfremdung für seine Schmerzmittelchen gegenwärtig verschlingt.

  2. Anonym

    Meine Mutter hat neulich einen alten Brief von meinem Uropa gefunden. Er war von Ende 1950. Er schrieb darin, seine Tochter wäre von der Tante vergiftet worden. Ich fragte meine Mutter, was er damit meinte. Seine Frau verstarb und liess 6 Kinder zurück. Ein Kind wurde zur Schwester der verstorbenen Mutter geschickt. Und diese entfremdete das Kind, bis es keinen Kontakt mehr zum Vater hatte. Für ihn war das damals auch schlimm. Die Tochter ist mit 18 dann abgehauen. Soweit ich weiss hatte die Tante selbst ein verstorbenes Kind. Sie wurde als komisch beschrieben und muss selbst an Traumatas gearbeitet haben. Das Thema gibt es also schon sehr lange und in allen Variationen. Nur verblüffend, dass man heute im Jahr 2021 so tut, als würde es das Phänomen nicht geben.

    • Anna Pelz - systemische Therapeutin und PAS-Coach

      Danke für diese spannende (und gleichzeitig traurige) Geschichte. Es wäre interessant zu erfahren, wie das Verhältnis des Urgroßvaters und seiner Schwägerin war – wissen Sie da vielleicht etwas darüber?
      Und die Lebensgeschichte der Schwägerin? Sie hat ein Kind verloren… Wie war ihr Leben davor? Nun ist es alles schon sehr lange her und größtenteils vermutlich nicht mehr wiederherstellbar oder nachvollziehbar.
      Die Wortwahl des Urgroßvaters bringt es allerdings auf den Punkt: das Kind wurde vergiftet.
      Entfremdung ist Gift.

  3. Andrea Huefing

    Guten Abend an alle hier,
    dieses Thema lässt mich nicht mehr los. Ich bin selbst nicht betroffen aber ich begleite einen Vater der sein Kind in der Pflegefamilie hat. Er ist Kurde und verzweifelt. Wir leben nicht in der selben Stadt und das Kind lebt auch woanders. Es ist unfassbar, was ich bis jetzt ca. 1 Jahr kenne ich den Fall, mitbekommen habe. Wäre er ein unfähiger, junger Mann und hätte er Anzeichen zu Schlimmeren würde ich ihm nicht zu Seite stehen. Für mich ist das selbstverständlich, Eltern bleiben Eltern, darauf muss hingearbeitet werden, denn Kinder werden älter und es kommen Fragen und die brauchen Antworten.
    Er hat dem Kind nie etwas getan, nichts ist vorgefallen, es ist kompliziert. Es macht mich traurig und wütend, wie hier agiert wird.
    Liebe Grüße Andrea


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